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Herzkammer der mittelfränkischen SPD
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SPD-Parteichef Franz Müntefering in Wendelstein
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Auf eine 100-jährige Geschichte blickt der SPD-Ortsverein Wendelstein zurück. Nach wie vor ist die SPD die bestimmende Kraft in der Gemeinde, und will es auch in Zukunft bleiben. Parteivorsitzender Franz Müntefering, der als Festredner und Ehrengast der Veranstaltung beiwohnte, ehrte altgediente Mitglieder und nahm neue Mitglieder in die SPD auf.
Großes Medieninteresse
Die Wendelsteiner SPD feierte im Oktober 2005 ihr 100-jähriges Jubiläum - mit Parteichef Franz Müntefering. Als er den Saal des TSV Wendelstein betrat, gab es stehenden Applaus. Ortsvorsitzender Klaus Vogel, Bürgermeister Wolfgang Kelsch, Landrat Herbert Eckstein, Fraktionssprecher Matthias Kelsch und der neue Bundestagsabgeordnete Martin Burkert aus Nürnberg sind in Begleitung von Franz Müntefering; Fotografen und TV-Reporter laufen rückwärts vor ihm her um das beste Motiv zu bekommen. Das Mikro eines Radioreporters ist vor dem Gesicht, Personenschützer rudern mit den Armen. Bilder, wie aus dem Fernsehen. Müntefering strahlt ein bestens gelauntes Lächeln und winkt in die voll besetzte Halle.
Gewerkschaftschor »Auftakt« bot Arbeiterlieder dar
„Auftakt“ heißt der Nürnberger Gewerkschaftschor, der die Veranstaltung begleitete und der die Lieder der Arbeiterbewegung mit Inbrunst singt. Das „Solidaritätslied“, „Und weil der Mensch ein Mensch ist“, natürlich die „Internationale“.
Die regionalen Mandatsträger heben in ihren Grußworten die Besonderheit des Wendelsteiner Ortsvereins hervor. Dr. Thomas Beyer, MdL aus Nürnberg-Land, der selbst in der Wendelsteiner SPD groß geworden ist, nennt den Wendelsteiner Ortsverein die „Herzkammer der mittelfränkischen SPD“. In der Kommunalpolitik herrschen in Wendelstein für die SPD „fast nordrhein-westfälische Verhältnisse“, wie Ortsvorstand Klaus Vogel dem „lieben Genossen Franz“ stolz sagen darf. An diesen Verhältnissen mag es gelegen haben, dass Klaus Vogel seinen Parteivorsitzenden nach Wendelstein locken konnte.
Landrat Herbert Eckstein zeigt seinen Stolz über „seinen Ortsverein“ in bestem Fränkisch und hält ein flammendes Grußwort. Bürgermeister Wolfgang Kelsch blickt auf das Wendelstein nach 1972 zurück.
Chronik seit 1905
In der Chronik erfuhr das Publikum, dass am 3. September 1905 eine Handvoll Arbeiter um den Metalldrücker Hans Löhlein einen „Sozialdemokratischen Wahlverein“ gründeten. 1933 sind es mutige Sozialdemokraten gewesen, die im Wendelsteiner Rathaus jegliche Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten ablehnten und ihre Gemeinderatsmandate zurückgaben. Nach dem Krieg waren es wiederum Sozialdemokraten wie Georg Löhlein und Johann Trinker, die die Geschicke der Gemeinde lenkten.
Seit 1984 ist Wolfgang Kelsch in der Verantwortung. Seine Amtszeit ist ein Glücksfall für Wendelstein: Aus der kleinen Nürnberger Vorstadtgemeinde ist eine selbstbewusste und erfolgreiche Kommune geworden. Die SPD in Wendelstein, so Vorsitzender Klaus Vogel, sei deshalb schon etwas Besonderes.
Gegründet unter bescheidenen Umständen in einem Wirtshaus, ist die SPD seit über 20 Jahren die bestimmende politische Kraft in Wendelstein. Im Gemeinderat hält sie mit 13 von 25 Sitzen die absolute Mehrheit, Wolfgang Kelsch ist seit 1984 völlig unangefochten Bürgermeister, aus der Wendelsteiner SPD kommt mit Herbert Eckstein der Landrat des Kreises Roth, der unlängst mehr als überzeugend wiedergewählt wurde. Der SPD-Landtagsabgeordnete aus Nürnberg-Land, Dr. Thomas Beyer, der unterdessen auch als Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt fungiert, stammt ebenfalls aus dem hiesigen Ortsverein.
Müntefering beschwor Tradition
In seiner Laudatio zum 100-jährigen Jubiläum hob Franz Müntefering eine Anekdote besonders hervor: Im letzten Jahr habe er in Berlin den 100-jährigen Karl Richter geehrt, der 87 Jahre der SPD angehörte. Karl Richter hatte miterlebt, wie am 9. November 1918 Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstag aus die Republik ausrief; „bizarr“ sei es gewesen, von dieser Sternstunde deutscher Geschichte aus dem Mund eines Zeitzeugen zu hören, sagte Franz Müntefering. Und jener Karl Richter habe ihm als Resümee seines Lebens mit auf den Weg gegeben: „Du musst das Leben nehmen, wie es ist, aber du darfst es nicht so lassen.“ Feinster sozialdemokratischer Geist sei das gewesen, sagte Müntefering. Er mahnte damit sozialdemokratische Traditionen und ihre Schlüsselthemen aufrecht zu erhalten.
Erneuerung der sozialen Gerechtigkeit
Doch die Gegenwart heiße Globalisierung: „Die Grenzen sind auf, die Märkte sind offen, das Geld ist unterwegs.“ Der Kapitalismus von heute sei ganz anders als vor 100 Jahren. „Die meisten Unternehmer sind seriöse, tüchtige Leute“, sagt der SPD-Chef. Aber es habe sich eine weltweite Finanzindustrie entwickelt, die mit den normalen Unternehmen gar nichts mehr zu tun habe und die ohne Rücksicht auf Verluste agiere. „Geld regiert die Welt? Damit finden wir uns nicht ab, dagegen müssen wir uns wehren“, ruft Müntefering unter großem Applaus. Er spricht von einer „Regierung der Erneuerung und der sozialen Gerechtigkeit“.
In drei Punkten wird er aber dann doch konkreter: Hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte werde man nicht aufgeben. Von der Agenda 2010 rücke man nicht ab. Und: „Steuersenkungen kann es auf absehbare Zeit nicht geben. Dazu ist keine Luft da. Wir müssen eine vernünftige Handlungsfähigkeit des Staats erhalten.“
Langer Beifall - Klaus Vogel freut sich über die „packende Rede“, Wolfgang Kelsch überreicht Blumen und Herbert Eckstein einen Korb mit Spezialitäten aus dem Landkreis Roth. Proviant für die Berliner Poker-Pausen.
Ehrungen für langjährige Treue
Franz Müntefering durfte auch langjährige Mitglieder ehren: Nicht jeder, der 60 Jahre in der Partei ist, wie Ernst Bischof oder Heinrich Hübner, werden vom Parteivorsitzenden persönlich geehrt. Mit Sabine Sutor und Damla Gürbüz werden zwei neue Mitglieder vom Parteivorsitzenden persönlich willkommen geheißen.
Zum Abschluss der Veranstaltung singt der Chor „Aufbruch“ noch einmal. Der Parteivorsitzende macht mit. Franz Müntefering braucht keinen Liedzettel wenn er die alten Arbeiterlieder mitsingt. Er kennt sie alle auswendig. Später bleibt Müntefering noch zum Abendessen mit dem Ortsverband. Politischer Plausch in kleiner Runde - und ohne Presse.
„Der ist völlig normal und ganz umgänglich“, sagt Ortsvorsitzender Klaus Vogel später über den Stargast, dessen Redeausschnitte abends in den Fernsehnachrichten laufen. „Heute waren wir für ein paar Stunden der politische Nabel Deutschlands“, freut sich Vogel. „Ehrlich gesagt, das haben wir schon genossen.“
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Geschrieben von Matthias Kelsch
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Dienstag, 15. November 2005
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