Biographie von Barbara Stamm vorgestellt
Abenberg - Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch ist Historikerin an der Universität Regensburg. Über zwei Jahre hinweg hat sie mit der im Oktober 2022 verstorbenen ehemaligen Landtagspräsidentin Barbara Stamm über deren Leben gesprochen. Daraus ist eine detaillierte 400-Seiten-Biographie entstanden, die nun in Abenberg vorgestellt worden ist. Man war sich einig: Stamm hat als Politikerin und Mensch ein Leben mit Vorbildcharakter geführt.
„Sie hat der Sozialpolitik in Bayern ein Gesicht gegeben“, sagt Prof. Dr. Daniela Neri-Ultsch über die erste weibliche Landtagspräsidentin Bayerns und ehemalige stellvertretende Ministerpräsidentin des Freistaats. Barbara Stamm ist 1987 Staatssekretärin im bayerischen Sozialministerium geworden. Nicht ohne Hindernisse. Denn eigentlich hatte sie Ministerpräsident Franz-Josef Strauß für das Kultusministerium vorgesehen. Doch der damalige Leiter der Staatskanzlei intervenierte. Edmund Stoiber wollte sie unbedingt im Sozialminsterium sehen. Strauß folgte diesem Vorschlag schließlich. Das markierte ihren Sprung ins Kabinett, und es war der Grundstein gelegt für ihre spätere Karriere als langjährige Sozialministerin ab 1994 unter Stoiber, der sie 1998 sogar zu seiner Stellvertreterin gemacht hat.
Solche und viele weitere Episoden aus einem bewegten und bewegenden Leben hat Daniela Neri-Ultsch in Abenberg geschildert. Sie ist Historikerin und forscht an der Universität Regensburg. Barbara Stamm kennt die Wissenschaftlerin dank der gemeinsamen Mitgliedschaft in einem landespolitischen Verein seit 2003. Über ein wissenschaftliches Projekt hat sie sich bereits 2016 mit der Lebensgeschichte Stamms beschäftigt. „Sie müssen eine Autobiographie schreiben“, lautete ihre auffordernde Erkenntnis daraus. Stamm ließen ihre politischen Aktivitäten dafür aber keine Zeit. So ging Neri-Ultsch ab 2020 selbst ans Werk. Sie erforschte zwei Jahre lang das Leben einer Politikerin, „für die Kinder, Familien, Benachteiligte und Senioren oberste Priorität hatten“.
Bei 22 Terminen für Gespräche, die jeweils zwischen zwei und sieben Stunden gedauert haben, schuf sie die Grundlagen für ihre „Biographie einer Ausnahmepolitikerin“, wie Neri-Ultsch ihr Werk selbst bezeichnet. Auf Einladung der Frauen-Union im Landkreis Roth war sie in die Burgstadt gekommen, um ihr Buch vorzustellen. Sie präsentierte ein Werk mit 400 Seiten, das die Lebensbahn Stamms von der Geburt 1944 über die durchaus wechselhafte Kindheit und ihre politische Karriere bis hin zum Tod nach längerer Krankheit im Alter von 77 Jahren am 5. Oktober 2022 ausgesprochen detailliert nachzeichnet. Das Vorwort zu dieser Lebensgeschichte mit Vorbildpotential hat ein andere Frauen- und Sozialpolitikerin geschrieben, die mit Barbara Stamm eng verbunden war. Rita Süßmuth war Bundesfrauenministerin und Bundestagspräsidentin. Sie ist am 1. Februar verstorben.
Im Amt als bayerische Sozialministerin konnte Stamm zahlreiche Erfolge verbuchen. So wurde mit ihrer Unterstützung das Kindergeld erhöht, eine humane Aids-Politik verfolgt und die Eingliederung von Menschen mit Behinderung vorangetrieben. Ihr besonderer Einsatz galt immer einer Politik der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen. Dabei kämpfte sie gegen Widerstände für Frauen im Polizeivollzugsdienst und für das Gleichstellungsgesetz. Dafür hatte sie bereits in der CSU-Fraktion einen eigenen Arbeitskreis gegründet und entsprechende Netzwerke aufgebaut. Als Vorkämpferin für Chancengleichheit betonte sie immer wieder: „Frauen bringen unverzichtbare Kompetenzen in die Politik ein.“ Neri-Ultsch hob mehrmals hervor, wie gut es Stamm gelang, ihre Ziele in einer anerkannten Mischung aus Hartnäckigkeit, Entschlossenheit und hoher Verbindlichkeit zu erreichen. „So ist es ihr gelungen, festgefahrene Positionen innerhalb der CSU aufzubrechen“, fasste die Professorin zusammen.
Nach ihrem Rücktritt 2001 im Zuge der BSE-Krise folgte das Comeback: 2003 ist sie Vizepräsidentin des Landtags geworden. Am 20. Oktober 2008 wählte sie der Landtag zu seiner ersten Präsidentin. Sie stärkte das Parlament, öffnete es für die Gesellschaft und setzte sich international für Demokratie und Europa ein. Mit Herz und Haltung richtete sie 2009 eine Kinderkrippe und 2016 das Kinderhaus „MiniMaxi“ im Landtag ein. Zehn Jahre lang war sie die beliebteste Politikerin Bayerns. Bis zu ihrem Tod blieb Stamm in zahlreichen Ehrenämtern aktiv, unter anderem als Präsidentin der Lebenshilfe Bayern. Ihr Vermächtnis: „Mut, Empathie und Durchsetzungskraft“, sagte Neri-Ultsch. „Sie hat gezeigt, dass konservative Sozialpolitik und frauenpolitisches Engagement zusammengehen.“ Neri-Ultsch schloss mit der Botschaft, „dass Stamms Leben heute noch inspirierend wirkt für alle, die Verantwortung übernehmen und Gesellschaft gestalten wollen“.
Der Schwabacher Landtagsabgeordnete Karl Freller (CSU) gab seiner Hochachtung vor der Leistung der Autorin Ausdruck. „Sie haben Barbara Stamm wieder wach gerufen“, sagte Freller und wies darauf hin, dass er und Stamm die längste Zeit gemeinsam im Landtag verbracht hätten. „Ich vermisse sie sehr“, so der 70-jährige, der seit 1982 Mitglied des Landtags ist. Die Abenberger CSU-Bürgermeister-Kandidatin Bettina Weigand sah in Barbara Stamm ein Vorbild. „Sie hat Politik immer als Dienst am Menschen verstanden“, so Weigand, „und dabei gezeigt, dass politische Stärke und menschliche Nähe kein Widerspruch sind, sondern dass Verantwortung Mut und Herz braucht“, so die Kommunalpolitikerin.
