Das Prinzip des Odysseus und mein Investment-Tagebuch

Finanztipp - „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind und sei gierig, wenn andere ängstlich sind.“ – Warren Buffett

Wie verhalten sich Anleger an der Börse? Handeln Sie „aus dem Bauch heraus“ wie Homer Simpson oder handeln Sie rational wie Mr. Spock von Raumschiff Enterprise? Was das alles mit Odysseus aus der griechischen Sagenwelt und meinem Investment-Tagebuch zu tun hat, erfahren Sie in diesem Artikel.

In der Theorie gehen die Wirtschaftswissenschaftler vom „Homo oekonomicus“ aus, dem Menschen, der nur aufgrund rationaler Überlegungen handelt. Viele Risikomodelle beruhen auf dieser Annahme. Spätestens seit der Finanzmarktkrise wissen wir, dass Menschen in der Praxis nicht nur rational handeln. In bestimmten Lebenssituationen siegt die Angst oder die Gier über den Verstand.  

Die häufigsten Fehler der Anleger!

Der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat untersucht, wie sich Anleger in der Praxis tatsächlich verhalten. Der Wissenschaftler hat herausgefunden, dass bei den Anlegern die Angst vor Verlusten stärker ausgeprägt ist als die Aussicht auf mögliche Gewinne. Erst wenn die Aussicht auf mögliche Gewinne doppelt so hoch ist wie der mögliche Verlust, wird investiert. Dieses intuitive Verhalten, zum Beispiel die gesunde Angst des Steinzeitmenschen vor dem Säbelzahntiger, hat der menschlichen Rasse wohl häufig das Überleben gesichert. Wir neigen dazu, die Zukunft im Rückspiegel unserer eigenen gemachten Erfahrungen zu bewerten. Bezogen auf die Geldanlage bedeutet dies jedoch häufig, dass Verlustbringer im Depot zu lange gehalten werden und Gewinneraktien zu früh verkauft werden. 

Eine weitere Erkenntnis von Daniel Kahneman ist, dass wir Menschen bestimmten systematischen Wahrnehmungsverzerrungen unterliegen. Ein Beispiel: „90 % fettreduziert“ hört sich für ein Lebensmittelprodukt besser an als „enthält 10 % Fett“.  Aus dem Bauch heraus kaufen viele Menschen das „fettreduzierte“ Produkt. Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Börse: „Krise“ wird viel häufiger zitiert als „Chance“, obwohl Krise und Chance nur zwei Seiten der Medaille sind. Über die Chance, die sich Anlegern bietet, wenn die Kurse und die entsprechenden Bewertungen niedrig sind, wird kaum berichtet. Das Negative wird überbewertet! Aufgrund dieser Wahrnehmungsverzerrungen nehmen wir Menschen gern „gedankliche Abkürzungen“. Besonders bei komplexen Sachverhalten, die nur schwer zu durchschauen sind, neigen wir zu Entscheidungen, die wir aufgrund unserer Erfahrung treffen und weniger aufgrund einer systematischen Analyse und Gewichtung aller relevanter Faktoren. 

Außerdem neigen Menschen oft an Selbstüberschätzung. Sie verwechseln Glück und Können und schreiben sich häufig Erfolge zu, die eigentlich auf zufälligen Ereignissen beruhen, auf deren Eintreffen sie gar keinen Einfluss haben. Ein weiteres Merkmal ist die Fähigkeit, den Eintritt von bestimmten Sachverhalten im Rückblick erklären zu können. Im Rückblick erscheint es völlig logisch, dass die Internetblase Anfang des neuen Jahrtausends platzen musste – nur haben die meisten Marktteilnehmer nicht entsprechend gehandelt. Wir alle brauchen „gute Gefühle“ – und daher ist es nur allzu verständlich, warum wir so handeln, wie wir handeln.

Das Prinzip des Odysseus…

Odysseus segelte am Land der Sirenen vorbei. Bei den Sirenen handelte es sich um eine Mischung aus Vogel und Mensch, die für ihren betörenden Gesang berühmt waren. Die Seeleute, die an ihrer Küste vorbei segelten, waren so beeindruckt von ihrem Gesang, dass sie sich ins Meer stürzten, um das Land der Sirenen zu erreichen. Alle, die dieser Versuchung erlagen, bezahlten es mit ihrem Leben. Odysseus hingegen ließ sich an den Schiffsmast binden. Seine Gefährten durften ihn nicht losbinden – egal was passierte. Sie mussten ihre Ohren mit Bienenwachs verschließen. Odysseus hörte den Gesang der Sirenen – und überlebte durch seine List. Seine Männer ignorierten sein Flehen, ihn loszubinden und er konnte den lieblichen Gesängen der Sirenen lauschen. Es zeigt eindrücklich, wie wichtig es für Anleger ist, vorher festzulegen, wie man sich später verhalten will. Da die Börsenkurse oft zwischen Verzweiflung und Euphorie pendeln, gilt es, regelbasiert zu handeln. Angst und Gier müssen beide „an den Mast gebunden werden“, damit wir uns als Anleger nicht von den Sirenen betören lassen und erfolgreich durch die Gefahren der Börse hindurch gelangen. Wenn wir bereits vorher einen Plan gefasst haben, wie wir zukünftig handeln wollen und ihn später konkret umsetzen, werden wir uns auch in schwierigen Zeiten nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern weiter erfolgreich auf Kurs bleiben.    

… und mein Investment-Tagebuch 

Wenn wir als Anleger langfristig und erfolgreich agieren wollen, brauchen wir Regeln, an die wir uns halten. Gerade wenn wieder einmal sämtliche Prognosen der letzten Monate „über den Haufen geworfen sind“, brauchen wir einen klaren Standpunkt und einen festen Halt. Da im Geldanlagebereich die meisten Entscheidungen aus dem Bauch getroffen werden, müssen wir bereits vorher festlegen, nach welchen Kriterien Käufe und Verkäufe erfolgen sollen. Zusätzlich zu unseren täglichen Markt- und Depotanalysen führe ich ein Investment-Tagebuch und beschreibe nur für mich, wie ich mich in bestimmten Situationen gefühlt habe. Ich dokumentiere, wie es mir bei Kriegsbeginn oder während der Corona-Pandemie gegangen ist und was die herrschende Meinung der Analysten zu dieser Zeit war. Meine Entscheidungen und die Begründungen dazu notiere ich mir. Das hilft mir sehr, in schwierigen Situationen zurückzuschauen und an meinen Prinzipien festzuhalten.  Ich weiß heute noch, wie ich mich in ähnlichen Situationen gefühlt habe und das bewahrt mich vor Schnellschüssen. Ich überprüfe immer wieder unseren Investmentansatz und unsere Philosophie – und frage mich, ob sie auch heute noch zu den Zielen unserer Vermögensverwaltung passt.

Die CREDO Vermögensmanagement GmbH investiert nach dem risikoadjustierten Ansatz. Es ist eine Kombination aus wertorientiertem Handeln und der Berücksichtigung von verhaltenspsychologischen Aspekten. Anleger müssen dennoch bereit sein, gewisse Schwankungen auszuhalten. Die CREDO sucht nicht den maximalen Ertrag, sondern die richtige Mischung aus Ertrag und Risikovermeidung. Bei den Zielinvestments dominiert die Suche nach „wertvollen“ Anlagen, die möglichst preisgünstig erworben werden sollen. Deshalb nutzen wir die niedrigen Kurse derzeit an schwachen Tagen zu Käufen oder Aufstockungen. Das ist unsere große Stärke: Festhalten und nicht aufgeben – so wie Odysseus und den Sirenen. 

Von: Wolfgang Juds (CREDO Vermögensmanagement GmbH), Samstag, 21. Mai 2022 - Aktualisiert am Montag, 30. Mai 2022
Weitere Informationen, Artikel und Termine von »CREDO Vermögensmanagement GmbH« finden Sie unter: www.meier-magazin.de/credo

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