Die Kulturszene in der Region und darüber hinaus – kreativ und spannend. Aber: Mitmachen !

Region - Es sieht leicht hoffnungsvoll aus, aktuell in der Kulturszene, jetzt, nach dem ersten Höhepunkt von Corona – aber gewiss nicht sonnig.

  • Die Nürnberger Symphoniker laden ab 03. Juli zum Musiksommer 2020 in den Serenadenhof ein.

    Die Nürnberger Symphoniker laden ab 03. Juli zum Musiksommer 2020 in den Serenadenhof ein.
    © Nürnberger Symphoniker

  • Albhörner der Nürnberger Symphoniker auf der Nürnberger Sebaldus Kirche

    Albhörner der Nürnberger Symphoniker auf der Nürnberger Sebaldus Kirche
    © Oliver Thumann

  • Aniada a Noar,  Folkgruppe aus der Steiermark  im LaTrova

    Aniada a Noar, Folkgruppe aus der Steiermark im LaTrova

  • Monika Ammerer-Düll und Silke Rieger,  Kulturfabrik Roth

    Monika Ammerer-Düll und Silke Rieger, Kulturfabrik Roth

  • Plakat zur 11. Wendelsteiner Open Air Kinonacht

    Plakat zur 11. Wendelsteiner Open Air Kinonacht

  • Live Übertragungen im WWW, Club Stereo in Nürnberg, ScreenShot Web

    Live Übertragungen im WWW, Club Stereo in Nürnberg, ScreenShot Web

Monika Ammerer-Düll von der Kulturfabrik Roth beschreibt das so: „Nach den Tagen des absoluten Stillstandes wird es jetzt auch nicht unmittelbar besser. Das ist ja auch in den kommenden Wochen nicht Gemeinschaft in der Kultur, da droht nach wie vor extreme Isolation. Das ist letztlich ganz furchtbar, was die Solokünstler, aber auch die Techniker und viele andere in der Szene derzeit mitmachen müssen. Da stehen doch im Moment eigentlich ganz viele kurz vor dem Ruin.“ Und Frank Schmidt vom LaTova in Wendelstein sieht das ganz ähnlich: „Fast alle Künstler der letzten Monate haben storniert, Kosten, Ängste und staatliche Auflagen blockieren bis heute. Auch jetzt, wo wieder erste Möglichkeiten entstehen, ist es für die Meisten immer noch nicht wirklich rentabel, vor drittelvollen Sälen zu spielen und große, nicht wirklich durchgeplante Reisen auf sich zu nehmen.“ Und so machen viele Künstler immer noch ohne eigene umfangreiche Reiseplanung keine schnelle Zusage und buchen dann doch lieber in der unmittelbaren Nachbarschaft ihres Heimatortes einen für sie relativ kostenneutralen Termin. Ein gutes Beispiel dafür ist Inge Faes, die Leiterin des Regensburger Statt-Theaters. Sie war jetzt im LaTrova gebucht und musste stornieren - und tritt jetzt im August in einem der ersten Open Air Termine in Wendelstein auf: „Ich bin selbstständige Künstlerin, es geht für mich ums schiere Überleben. Ich habe seit Monaten diverse Kosten, aber Null Einnahmen. Das »Überbrückungsgeld« hilft auch nicht deutlich weiter. Da denkt man schon oft ans finale Aufhören.“

Und das ist das Problem der lokalen Veranstalter, ob klein oder groß, alle treffen die laufenden Kosten immens. Sobald Miete gezahlt und laufende Kosten zu bestreiten sind, hilft auch ein derzeit angesagter Weiterbetrieb der Hallen mit extrem reduzierten Sitzplätzen nicht wirklich etwas. Und das schlimmste ist, so Inge Faes, dass aktuell niemand wirklich weiß, wie die genauen Vorschriften für Auftritte unter freiem Himmel sind. Da gibt es des Öfteren PDFs aus den Ministerien, aber ob und ab wann nun zwei Lebens- „Keimgemeinschaften“ an einem Tisch sitzen dürfen oder gar, wie es für »Öffentlichkeit« in Bayern wohl gilt, bis zu 10 Personen, das steht nirgendwo klar geschrieben.

Auch die Kleinen haben laufende Kosten und können mit den eventuell möglichen reduzierten Einnahmen kaum ausreichend kalkulieren – und das ist bei den Großen natürlich noch stärker: da sind die Ohnehin-Kosten immens, da ist in Werbung, Buchungen sowie Personal schon viel investiert, ohne das auch nur ein Euro zurückfließt – und da heißt es dann einfach schlicht beten und auf Wunder in der Zukunft hoffen.

Schlimm ist es natürlich auch beim Publikum. Das darf sich jetzt nicht an alternative-, virtuelle Kulturformen gewöhnen, beim privaten Bier auf der Terrasse – da ist es gerade jetzt wichtig, dass es sieht, was ihm dank Krise fehlt und wie es jetzt eigentlich bei den neu aufkeimenden Aktivitäten doppelt aktiv werden müssen, damit die Kulturszene bei uns sowohl ideel als auch materiell spürbare Unterstützung bekommt.

Am einfachsten haben es vielleicht noch die ganz kleinen Veranstalter. Das Kakuze Kulturzentrum in Katzwang hat viele idealistische Mitglieder, die zumindest den eigenen Buchladen, den sie an drei Tagen die Woche Di/Mi/Do Vormittags geöffnet halten; aber u.a. die geplante Eigeninszenierung des klassischen fränkischen Volksstücks »Schweig, Bub!« von Fitzgerald Kusz musste erst einmal gestoppt werden, und keiner dort kann sich vorstellen, wie das mit entsprechendem Abstand und Mundschutz auf die Bühne gebracht werden soll.

Anders geht es dem Kulturförderverein in Schwan­stetten K.i.S. auch nicht, viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Der geplante Neuanfang am 18. September mit Kabarett in der Kulturscheune Leerstetten mit Sebastian Schnoy wird mit Sitzplatzreduzierung wohl nur 40 Zuhörer zulassen – aber macht es da Sinn, in die gewiss größere Gemeindehalle auszuweichen?

Optimistisch gibt sich das Kulturnetzwerk Schwarzenbruck: Carmen Machmuridis-Lösch versucht derzeit die Mitglieder „bei der Stange zu halten“ - eine Ausstellung im Rathaus läuft zwar derzeit coronabedingt aber ohne die wichtige Vernissage, vielleicht jedoch mit einem kleinen »Bergfest« zur Ausstellungsmitte im Juli. Für September ist als erster Hoffnungsfunke die Aktion »Flying Art« geplant, die Freude machen- und Kunst an verschiedenen Orten zeigen soll, rund um den Schwarzenbrucker Plärrer.

Das soziokulturelle DESI Stadtteilzentrum in Nürnberg hat jetzt bei gutem Wetter auch den Biergarten wieder geöffnet. Der Rest wird nun in ganz kleinen Schritten geplant und gestartet, in Kleingruppen- möglichst ins Außengelände verlagert. In den letzten Wochen hatte man sich auch schon mit Lifestreaming versucht, mit anderen Nürnberger Clubs, in Sachen Hip-Hop, aber die Nachfrage war nicht besonders toll.

Am aktivsten ist da wohl das Casa De La Trova, die Kleinkunstbühne in Wendelstein, die als erstes Lebenszeichen im August an 3 Samstagen Kabarett im Park des Wendelsteiner Rathauses anbietet. Das Ganze ist eine Kooperation mit dem Kulturreferat der Gemeinde, die zeitversetzt an vier Sonntagen Musik veranstalten. Da will man in der Außendarstellung bewußt gemeinsam auftreten und möchte gemeinsam diejenigen sein, die wieder Kultur in Wendelstein möglich machen. Das heißt also konkret am 08.08. mit Anna Piechotta, am 15.08. mit dem Regensburger Statt-Theater feat. Inge Faes, und am 22.08. mit Lisa Catena.

Bei den größeren Konzerten und Festivals in unserem Raum heißt es im Moment erst einmal, das Überwintern zu beenden. Das MIA Festival Altdorf ist dieses Jahr abgesagt. Es gibt jedoch Hoffnung, dass die eine oder andere Band in Jahr dennoch 2020 in Altdorf zu hören sein wird - aber das wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. Es müssen zunächst Genehmigungen eingeholt und Konzepte entwickelt werden... Die Tickets für MIA 2020 werden auf jeden Fall erstattet. (mehr auf www.soulbuddies.de )

Das Concertbüro Franken versucht derzeit, die Vielzahl der eigenen Veranstaltungen mit zumeist Absagen und Verschiebungen in den Griff zu bekommen. Es klagt über die Politik, die momentan „auf Sicht fährt“ und keine Planung für weiter als 2 Wochen in die Zukunft zulasse. Aber zumindest im Internet ist das Konzertbüro gut organisiert und hält mit einer sehr informativen Webseite konkrete Konzert-Informationen vor.

Am engagiertesten können derzeit die Kommunalen arbeiten, die Kulturämter und die anderen städtischen Einrichtungen. Die Stadt Schwabach mit ihrem Kulturamt musste viel absagen, wie z.B. die Goldschlägernacht 2020, beim Rest wird noch geplant und geschaut. Auf jeden Fall aber umsetzen möchten sie die bereits reduzierte Veranstaltung »Ritmos in the Air« am 27. Juni, bei gutem Wetter im Apothekersgarten, bei schlechtem im Markgrafensaal.

Personell gut aufgestellt ist als öffentliche Einrichtung die Kulturfabrik Roth, die mit großen Mühen für die Zukunft arbeitet. Dort macht man sich besonders auch Gedanken um auch die anderen Beteiligten im Kulturbetrieb: So mussten die Bluestage im März zwar schon unmittelbar vor Beginn abgesagt werden, aber da hat man sich zumindest von der Kommune genehmigen lassen, sich an der Aktion »Ticket behalten« beteiligen zu dürfen, d.h. die betreffenden Tickets, die bis jetzt nicht zurückgerufen worden sind, zumindest als Honorare an die Künstler überweisen zu können. Die erste Kulturveranstaltung dort nach der Zwangspause ist in diesen Tagen eine Open Air Veranstaltung im Kulturfabrikgarten, natürlich unter freiem Himmel, am 26. Juni, »Saxalavista«, wo die Kombo des neuen Saxofonlehrers der Orchesterschule, Fabio Kronmüller, durch 300 Jahre Musik führt. Ferner wird Willy Astor, am So, 5. Juli im Autokino Roth auftreten – und ferner hat »Viva Voce«, die A-cappella-Band, für Freitag, 17. Juli ihr Kommen zugesagt – mehr ist der Webseite mit jeweils täglichen Aktualisierungen zu entnehmen.

Das Kulturamt Wendelstein ist relativ weit mit der Vorbereitung der unmittelbaren Zukunft: Für die durch das Amt organisierten Veranstaltungen im Rathauspark an den Wochenenden im August (an den Samstagen organisiert durchs LaTrova) wird es an den Sonntagen ab 2.8. Auftritte von Zydeco Annie & Swamp Cats, Gankino Circus, Gruberich und Fischer & Rabe geben. Auch schon weitreichend in trockenen Tüchern ist das Open Air Kino am 17. und 18. Juli im Rathaus-Park. Es wird viele Sitzinseln und jeweils ausreichend Platz geben. Alle Tickets dafür werden aber personalisiert verkauft, unter Angabe des Namens und der Kontaktdaten. Weitere Infos zu Geplantem werden noch in der Presse veröffentlicht, zudem auf der Webseite der Gemeinde. In der Jegelscheune, dem eigentlichen »offiziellen« Veranstaltungsort der Gemeinde, sind die Frühjahrstermine ohnehin schon seit Längerem auf die Zeit ab Oktober verlegt worden – da ist im Sommer ohnehin Pause.

Spannend ist auch das Angebot der Nürnberger Symphoniker, die, situationsbedingt zunächst unter freiem Himmel, extremes Engagement zeigen und sogar vor überraschenden Veranstaltungen nicht zurückschrecken. Ihr Auftritt mit zwei ihrer Künstler und Albhörnern auf dem Dach der Nürnberger Sebaldus Kirche sorgte in der Öffentlichkeit und den Medien für große Resonanz – und ihr kommender engagierter Musiksommer im Serenadenhof will ebenfalls die Kulturszene wieder aufwecken. Deren Intendant, Prof. Lucius A. Hemmer sieht das im Gespräch mit dem meier so: „Wir werden in der nächsten Zeit einen noch viel intimeren, spezielleren Zugang zum Thema finden müssen, auch dadurch bedingt, dass wir einfach nicht die ganz vollen Säle haben werden. Und dabei wollen wir natürlich auch die persönlichere Ansprache in den Fokus setzen und herauskehren – gerade jetzt situationsbedingt im Serenadenhof, unter freiem Himmel. Erst wenn Reaktionen vom Publikum erfolgen, schafft das ja wirkliche Atmosphäre“. Die Nürnberger Symphoniker bieten also ab Freitag 3. Juli ein dicht gedrängtes Programm im Serenadenhof an, von Tschaikowsky bis Lloyd Webber, Details mit eigenem ProgrammFlyer im Internet.

Am innovativsten im Angebot der Kulturszene unseres Raumes während Corona ist vielleicht der kleine Keller Club für Indie, Disco, Punk und Elektronisches, der Club Stereo in Nürnberg, der jeden Freitagabend vom Dach des Hotels Adina Apartment liveStreams mit Rooftop-Musik anbietet. Man kann sie, mit eigener Bezahl-Funktion online bei PayPal daheim erleben – bei jeden Wetter - und, wenn es nicht regnen sollte, sogar möglicherweise in natura unten auf der Straße umsonst hören, vor dem Hotel, in der Doktor-Kurt-Schumacher-Straße.

Und, was ist die Moral von der Geschicht‘:

Kulturbetrieb der nächsten Zeit geht nur im unmittel­baren Dialog zwischen Publikum und Künstler voran, es geht nur mit neuem Denken – und auf neuen Wegen, wie z.B. (bei gutem Wetter) in Regensburg am Abend im tagsüber von der Konditorei genutzten Café-Garten, oder in der Nacht, zugleich im Web, auf dem Frühstücks-Dach­garten eines Hotels.



Von: Christoph Pauselius, Dienstag, 07. Juli 2020
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