IBgW-Ortsbegehung: Bauern suchen Wege aus Klimakrise

Wendelstein - Geplant war sie als eine Art Nachhilfeunterricht in Sachen örtlicher Landwirtschaft – am Ende ging es bei der jüngsten Ortsbegehung der Wendelsteiner Ortsinitiative IBgW aber vor allem um eins: Die Folgen des Klimawandels für die örtliche Landwirtschaft. Die Besuchergruppe konnte es live erleben: Die Herausforderungen sind gewaltig.

  • Anschaulicher Nachhilfeunterricht in Sachen Landwirtschaft: Lebendiger Austausch bei der Ortsbegehung der IBgW inmitten der Raubersrieder Ackerflur

    Anschaulicher Nachhilfeunterricht in Sachen Landwirtschaft: Lebendiger Austausch bei der Ortsbegehung der IBgW inmitten der Raubersrieder Ackerflur
    © Klaus Tscharnke

Anschaulicher hätte man die Klimawandelfolgen in der hiesigen Landwirtschaft kaum erleben können: Landwirte referieren gerade über „Fruchtfolgen“ und „Bodendecker“, da donnert mal wieder die gewaltige Maisernte-Maschine an der Besuchergruppe vorbei. Auf den Feldfluren rund um den Wendelsteiner Ortsteil Raubersried ist die Maisernte an diesem Samstag in vollem Gange – wegen der lang anhaltenden Trockenperiode zwei bis vier Wochen früher als sonst, erläutert der Wendelsteiner Ortsobmann des Bayerischen Bauernverbandes, Georg Ziegler aus Sperberslohe, den gut 30 Wendelsteiner Bürgern.

Die nahmen auf Einladung der Initiative „Bürger gestalten Wendelstein“ (IBgW) an einer Ortsbegehung der ganz anderen Art teil. Zwei Stunden lang erklärten sich Landwirte aus der Region bereit, ihre alltägliche Arbeit zu erläutern – und ihren Umgang mit dem Klimawandel. Die IBgW kooperierte dabei mit dem Kreisverband Roth des Bayerischen Bauernverbandes (BBV). Das Treffen, so heißt es in einer IBgW-Pressemitteilung, sollte zudem dazu beitragen, einmal beide Welten – die eher städtisch geprägte Wendelsteiner Bevölkerung und die angrenzende Landwirtschaft – zusammenzuführen.

Ertragseinbußen von Mais und Getreide von rund 50 Prozent

Während das angeheuerte Lohnunternehmen mit seinem grünen Ungeheuer den mickrigen Maisstauden zu Leibe rückt und silogerecht zu Viehfutter zerhäckselt, skizziert Ziegler schonungslos die Folgen der lang anhaltenden Trockenheit: „Wir haben in diesem Jahr sowohl bei Mais als auch bei Getreide Ertragseinbußen von 50 Prozent“. Mais sei vor allem Viehfutter für die Wintermonate. Wie das die hiesigen Landwirte überbrückten? „Noch haben wir Reserve vom letzten Jahr. Aber im nächsten Jahr muss die Maisernte besser werden.“ Hinzukommt ein zweites Problem: „Wir brauchen zum Abpuffern von schlechten Erntejahren immer mehr Silokapazität. Die aufzubauen kostet Geld.“

Die lang anhaltende Trockenheit in diesem Sommer, so machen auch der BBV-Kreisobmann Manfred Dorner und die Rother Kreisbäuerin Monika Volkert deutlich, sei auch kreisweit ein Problem – wenn auch mit unterschiedlicher Ausprägung. „Von Jahresanfang bis heute (Stand: Ende August) hatten wir in der Region lediglich 180 Liter Regenwasser pro Quadratmeter“ – so wenig wie selten zuvor. Der Klimawandel stelle damit alle Landwirte im Landkreis vor große Herausforderungen. „Es braucht neue Bewässerungstechniken. Und es geht um die Frage, welche Nutzpflanzen eine lange Trockenheit vertragen. Neue Anbauverfahren brauchen aber Zeit und Erfahrung“, macht Volkert deutlich.

„Für Naturschutz sind Blühflächen ein Segen“

Aber auch das ist „Landwirtschaft“ in Wendelsteins Ackerfluren: Etwas verwildert anmutende Blühflächen. Auf eine deutet Ortsobmann Ziegler neben dem staubigen Feldweg. Auf einer Fläche von einem halben Hektar verzichtet er für einen jährlichen Landzuschuss fünf Jahre lang auf eine landwirtschaftliche Nutzung. Warum? „Mit dem ½ Hektar hätte ich wegen der ungünstigen Lage eh nicht viel anfangen können“, erläutert er. Die örtliche Jagdpächterin Susanne Thanner ist von der mit Wildblühern bestandenen Fläche begeistert: „Für den Naturschutz ist eine solche Fläche ein Segen.“ Vor allem Rebhühner schätzten die ungenutzte Ackerfläche für die Aufzucht ihrer Küken.   

Wie es denn um die Zukunft der hiesigen Landwirtschaft bestellt sei, wollten einige wissen. Der Strukturwandel werde weitergehen, sind die BBV-Vertreter überzeugt. Weitere Bauern würden aufgeben, andere wachsen. In allen Wendelsteiner Ortsteilen gebe es derzeit noch neun Milchviehhalter. 100 seien es im gesamten Landkreis, berichtet Kreisobmann Dorner. Und ihre Zahl werde weiter schrumpfen. Der Landwirt-Nachwuchs brauche bessere Voraussetzungen, um mit seiner Arbeit Geld zu verdienen.

„Wir können auf keinen Quadratmeter Wiesen- und Ackerfläche verzichten“

Wie Anpassung aussehen kann, zeigt beispielsweise der auf Geflügel spezialisierte Raubersrieder Landwirtschaftsbetrieb Heubeck mit angegliedertem Hofladen. Zusammen mit dem Hofladen der Familie Böhm hat der Geflügelzuchtbetrieb Raubersried inzwischen zu einem kleinen bäuerlichen Selbstvermarktungszentrum gemacht.   

Zur Zukunftssicherung der örtlichen Landwirtschaft gehört in Wendelstein nach Überzeugung der Landwirte auch der Erhalt landwirtschaftlicher Flächen. Die Bauern könnten – etwa zugunsten von Wohn- oder Gewerbeflächen – auf keinen Quadratmeter Wiesen oder Äcker verzichten, machte Ortsobmann Ziegler deutlich. Landwirte sähen auch keinen großen Sinn darin, Wiesen und Äcker als Ausgleichsmaßnahmen für die Versiegelung von naturnahen Flächen andernorts, etwa Straßen, Wohngebieten oder Gewerbe, bereitzustellen, machte Kreisobmann Dorner deutlich.

Sowohl Lob als auch Tadel verteilt der Ortsobmann an die Jogger, Gassigeher und Spaziergänger auf den Feldwegen in den Wendelsteiner Wiesen-Ackerfluren. „90 Prozent verhalten sich ganz okay.“ Ein Problem seien für die unter Zeitdruck stehenden Landwirte die restlichen zehn Prozent: Hunde seien nicht angeleint, Gassigeher verstießen unbelehrbar gegen das Wiesenbetretungsverbot zwischen dem 1. April und dem 1. Oktober und Jogger mit Ohrhörern blockierten Traktoren.

Von: Klaus Tscharnke (Mitglied im Sprecherkreis-Team der Initiative "Bürger gestalten Wendelstein" (IBgW)), Sonntag, 06. September 2026 - Aktualisiert am Montag, 07. September 2026
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