IBgW-Rundgang: Mühle, Wasserkraft und aktive Bürger
Wendelstein - Wendelsteins unbekannte Seiten entdecken. Auch darum geht es bei allsommerlichen Ortsrundgängen der Wendelsteiner Ortsinitiative „Bürger gestalten Wendelstein“. Dieses Mal besuchten die Aktiven zusammen mit interessierten Bürgern den drittkleinsten Wendelsteiner Ortsteil Neuses – und kamen aus dem Staunen kaum raus.
Wendelstein – Für viele ist Neuses kaum mehr als ein Durchgangsort, für Eisenbahnfans aus nah und fern dagegen das Ziel ihrer langgehegten Träume. Seit der Bahn-Enthusiast und Elektroniker Klaus Wagner vor eineinhalb Jahren die frühere Mühlen-Schreinerei bezog und dort seine „Modellbahn-Selbstfahrwelten“ erschuf, schlüpfen dort monatlich zahllose Bahnfans in die Lokführer-Rolle. Einmal einen ICE aus der Lokstand-Perspektive steuern oder in einem nachgebauten DB-Stellwerk den Zugverkehr dirigieren - Wagner macht den Traum wahr.
Neuses, so zeigt die Mini-Bahnwelt, steckt voller Überraschungen, leidet aber auch unter aktuellen Problemen, wie bei einem Ortsrundgang der Initiative „Bürger gestalten Wendelstein“ (IBgW) deutlich wurde. Fachlich begleitet wurde die Führung vom Ortsteilkenner und SPD-Fraktionschef im Marktgemeinderat, Maximilian Lindner. Er ist in dem Ortsteil aufgewachsen und lebt noch heute dort. An dem Rundgang nahmen auch die Bündnis-Grünen-Gemeinderäte Carolin Töllner und Martin Mändl teil.
Was so manchem vielleicht auch unbekannt ist: Neuses ist ein Zentrum der Wasserkraft. Vermutlich gab es hier schon im 14. Jahrhundert eine Mühle. Sechs Jahrhunderte lang wurde hier, im unteren Schwarzachtal, mit Wasserkraft Getreide zu Mehl verarbeitet. 2017 war dann Schluss. Die Neuseser Getreidemühle erwies sich als nicht mehr konkurrenzfähig, berichtet Mühlenbesitzer Harald Assenbaum.
Das Wasser der Tag und Nacht durch das Mühlengebäude strömenden Schwarzach nutzt Mühlenbesitzer Assenbaum trotzdem weiter – zur Stromerzeugung. Die beiden vom Wasserdruck angetrieben 90 kW-Turbinen erzeugen grünen Strom, erläutert Assenbaum. In der Mühle betreibt er außerdem noch einen Mühlenladen und eine Weinhandlung.
Doch damit gab sich der agile Unternehmer nicht zufrieden. Stets den hinter seiner Mühle verlaufenden Main-Donau-Kanal im Blick, kam Assenbaum ins Grübeln: „Ich habe jahrelang zugeschaut und mich gewundert, warum man die Wasserkraft nicht verstromt“. Denn just bei Neuses leitet die Wasserbehörde im Rahmen der Wasserüberleitung von Süd- nach Nordbayern Kanalwasser in die darunter fließende Schwarzach, Sturzhöhe 18 Meter - genug Wasserkraft, um mit einer 600 kW-Turbine grünen Strom zu erzeugen.
Was auch nicht jeder Ortsteil zu bieten hat, das ist der Party-Stadel der Familie Lebegern. Etwas versteckt im Südteil des Ortes verbindet der „Lebegern-Stadel“ uriges Scheunenflair mit perfekter Party-Technik. Bis zu 150 Partygäste bietet der Stadel Platz, berichtet Ortskenner Maximilian Lindner. Und dass man Party kann, beweisen die 300 Neuseser durch die Ausrichtung einer eigenen Kärwa.
Derzeit, so wurde bei dem IBgW-Rundgang deutlich, herrscht im Ortsteil Neuses aber nicht unbedingt Partystimmung. Mit dem Neubau der maroden Schwarzach-Brücke ist eine wichtige Lebensader in dem Ort für viele Monate unterbrochen. Deutlich zu spüren bekommt dies auch Mühlen- und Weinladenbetreiber Harald Assenbaum: „Innerhalb von drei bis vier Tagen nach der Straßensperrung hat sich mein Umsatz halbiert“, berichtet er. Derzeit haben seine Läden nur noch freitags und samstags geöffnet, ergänzt Lindner. Diese Sperrung macht es auch nicht leichter, für die einzige Gaststätte im Ort einen neuen Pächter zu finden, nachdem der bisherige im Frühjahr nach Röthenbach gewechselt ist
Und auch die Erneuerung des Dorfplatzes rund um das Milchhaus muss wegen der Brückenbaustelle warten. Dabei laufen die Planungen dafür schon seit 2018. Der Platz soll nach Lindners Angaben neugestaltet und eine Kanuanlegestelle errichtet werden. Was die Beteiligung der Bürger an dem Projekt angeht, war das nach IBgW-Einschätzung vorbildhaft. Die Neuseser wurden nach Lindners Angaben von Beginn an ins Boot geholt. Bei Diskussionen vor Ort wurden Vorschläge für die Platzumgestaltung gesammelt und gemeinsam diskutiert, bis die dabei entwickelten Planungen auf breite Zustimmung stießen.
Autor: Klaus Tscharnke
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