In welcher Welt wollen wir leben?

Allersberg - Zwischen drastischen Bildern, der Sorge um die Demokratie und dem Glauben an die Menschlichkeit – ein Filmabend, der zum Nachdenken anregt.

Mehr als 70 Interessierte waren vor kurzem auf Einladung der Initiative Allersberg ist bunt in den Gilardisaal gekommen, um den Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand“ zu sehen. Der Film begleitet eine Rettungsmission auf dem Mittelmeer und zeigt eine Realität der Migration, die hierzulande häufig ausgeblendet wird: überfüllte Schlauchboote, Grenzbeamte, die auf Schutzsuchende einschlagen, eine libysche Küstenwache, die Boote attackiert und Menschen dadurch noch mehr in Gefahr bringt.

Emotionale Szenen wechseln im Film ab mit nüchternen Debatten aus dem Bundestag und dem EU-Parlament – Debatten, in denen Geflüchtete oft nur noch als Zahlen erscheinen, die es zu senken gilt, und in denen Gesetze beschlossen werden, die es ermöglichen, Flüchtende an den EU-Außengrenzen in Lagern einzusperren und zu entrechten.

Dabei sah es 2015 noch ganz anders aus: Eine breite Willkommenskultur prägte das Land, und es galt als selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen. Was ist daraus geworden? Wie konnte es dazu kommen, dass sich der Diskurs so radikal veränderte und Schutzsuchende heute kriminalisiert und zu Sündenböcken gemacht werden? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt von „Kein Land für Niemand“. Der Film geht den Ursachen für die Radikalisierung auf den Grund und lässt dazu Wirtschaftsforscher, Soziologen, Rechtsextremismus-Experten und andere Fachleute zu Wort kommen.

So erklärt etwa der Soziologe Linus Westheuser: „Die Gegner der Migration sind lauter als ihre Befürworter. So entsteht eine verzerrte Wahrnehmung der Bevölkerungsmeinung – und diese Wahrnehmung formt wiederum die Politik.“

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, ergänzt, dass die aktuellen gesellschaftlichen Probleme Ergebnis politischen Versagens seien – und nicht die Schuld Geflüchteter. Doch indem demokratische Parteien migrationspolitische Positionen der AfD übernähmen, erscheine Migration als das größte Problem.

Dem Rechtsruck begegnet der Film mit geballten Fakten – und mit einem eindringlichen Appell an die Menschlichkeit. Immer wieder lernt das Publikum Menschen und Organisationen kennen, die sich der menschenfeindlichen Migrationspolitik entgegenstellen: etwa Sea-Eye oder Geflüchtete, die in Deutschland angekommen sind und hier für ihre Rechte kämpfen. Der Film macht deutlich, wie stark und laut unsere Zivilgesellschaft sein kann – und wie sie der politischen Kälte unserer Zeit etwas entgegensetzen kann.

Diese positive Botschaft prägte auch die Diskussion im Anschluss an die Filmvorführung. Allersberg ist bunt hatte dazu zwei Vertreter der Seenotrettungsorganisation Sea-Eye Nürnberg sowie einen Geflüchteten aus dem Iran eingeladen. Koroosh Khosravi, der 2015 nach Deutschland kam, berichtete von seinen Erlebnissen auf der Flucht über die Ägäis. Er erzählte die Geschichte einer 19-jährigen schwangeren Afghanin, die die Überfahrt nicht überlebte – ein Ereignis, das ihn bis heute emotional bewegt. Von seiner Ankunft in Deutschland sagt er, dass er damals ausschließlich Freundlichkeit erfahren habe. Viele Menschen hätten ihn über die Jahre unterstützt – dafür sei er sehr dankbar. Gefragt nach seinem Wunsch für die Zukunft sagt Koroosh: „Wir leben auf einem kleinen Planeten zusammen – mein Wunsch ist, dass wir einander die Hand reichen und andere Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe verurteilen. Wir sind alle gleich.“

Nina Tunger von Sea-Eye betonte, dass sie trotz aller negativen Entwicklungen viele positive Momente erlebe, in denen Menschen füreinander einstehen. Sie sei überzeugt, dass die Mehrheit der Gesellschaft sich einen menschlichen, solidarischen Umgang miteinander wünsche. „Und das können wir auch Realität werden lassen. Wenn Menschen andere schlecht behandeln, ist es wichtig, dass diejenigen, die das nicht gut finden, aufstehen. Wir sind mehr, auch wenn es sich oft nicht so anfühlt.“

Sven Matejat von Sea-Eye schloss den Abend mit einem Appell an die Zuschauerinnen und Zuschauer, das Wissen aus dem Film mitzunehmen und in die Gesellschaft zu tragen. Gerade die ökonomischen Argumente seien wichtig: „Wenn wir glauben, es würde unserem Wohlstand nützen, uns abzuschotten, liegen wir falsch. Im Gegenteil – es würde sich noch schneller verschlechtern.“

Die Organisatorinnen von Allersberg ist bunt, bedankten sich bei den Gästen für die angeregte und offene Diskussion, bei United4Rescue für die Möglichkeit, den Film kostenlos zeigen zu dürfen, und riefen zu Spenden für die zivile Seenotrettung auf, da deren wichtige Arbeit nur so möglich sei. Ein weiterer Dank ging an das Programm Demokratie leben und das Landratsamt Roth für die Förderung der Veranstaltung.

Kontakt: info@allersberg-ist-bunt.de 

Hinweis: Die Veranstaltung wurde gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren Frauen und Jugend. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.

Von: Tanja Josche, Dienstag, 16. Dezember 2025 - Aktualisiert am Mittwoch, 07. Januar 2026
Weitere Informationen, Artikel und Termine von »Allersberg ist bunt« finden Sie unter: www.meier-magazin.de/allersberg-ist-bunt

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