Klare Absage der Bürger an Expansionspläne für Wendelstein

Wendelstein - Nein zu expansiven Wachstumsplänen für Wendelstein – allenfalls ein Ja zu einer moderaten Bevölkerungszunahme, die sich langfristig bei 16 000 einpendeln sollte. Ein stärkeres Bevölkerungswachstum ließen weder die naturräumlichen Gegebenheiten (Bannwald, Schwarzachaue) noch die Verkehrssituation in den Nadelöhren Wendelsteins zu, war die Einschätzung der überwiegenden Mehrheit der rund 80 Teilnehmer bei der jüngsten eintägigen Planungswerkstatt der Marktgemeinde Wendelstein, wie die Initiative „Bürger gestalten Wendelstein“ (IBgW) berichtete.

Das vom Planungsbüro TEAM 4 genannte und offenbar auf gemeindlichen Vorgaben basierende Wachstumsziel von 5 bis 6 Prozent, was Wendelsteins Bevölkerung auf knapp 17 000 Menschen wachsen lassen würde, stieß bei einer deutlichen Mehrheit der Versammelten auf Ablehnung. Das widerspreche den aktuellen Bevölkerungsprognosen des Statistischen Landesamtes, die Wendelstein einen Bevölkerungs-Rückgang bis 2034 verheiße ­– und damit auch dem langfristigen Wohnungsbedarf. Wendelstein habe die Zeit der großen Expansion hinter sich, betonten Gruppensprecher, was auch TEAM 4-Chef Guido Bauernschmitt bestätigte.

Was den Wohnraumbedarf junger Familien angehe, für den eine junge Großschwarzenloherin ausdrücklich warb, gehe es jetzt darum, die nächsten 10 bis 15 Jahre mit kleinteiliger Wohnbebauung mit allenfalls maximal 15 neuen Wohneinheiten pro Jahr zu überbrücken, betonten Sprecher der damit befassten Arbeitsgruppen. Dazu böten sich unter anderem kleinere Flächen im Süden Großschwarzenlohes und nur sehr bedingt Flächen im Süden des Wendelsteiner Hauptortes an. Außerdem: Bereits jetzt seien – im Vorgriff auf den neuen Flächennutzungsplan – Wohneinheiten für rund 260 Einwohner im Bau oder in Planung (ohne die Hörnlein-Bebauung). Damit werde Wendelstein seiner Verantwortung für junge Familien kurzfristig erst einmal gerecht.

Eine klare Absage an eine weitere Siedlungsexpansion auf bisher landwirtschaftlich genutzten Flächen erteilten auch örtliche Landwirte. Sie machten deutlich, dass für sie ein Verkauf von Acker- und Wiesenflächen nicht in Frage kommt, weil sie bei einer weiteren Flächenreduzierung nicht mehr wirtschaftlich produzieren könnten. „Wer will, dass wir Landwirte auch weiterhin unseren Beitrag zur Landschaftspflege leisten, muss dafür sorgen, dass die wenigen Bauern, die es noch in Wendelstein gibt, auch eine Überlebenschance haben“, sagte ein Vertreter der örtlichen Bauernschaft.

Der Sprecher der Initiative „Bürger gestalten Wendelstein“, Reinhold Selz, zeigte sich nachträglich von der Planungswerkstatt begeistert, die von der IBgW angestoßen worden war. Sie stelle einen grundlegenden Wechsel in der politischen Kultur der Gemeinde dar und einen wichtigen Beitrag, sich bisher von politischen Entscheidungen abgehängte Bürger „ins Boot zu holen“ – ein Prozess, der den gemeindlichen Zusammenhalt deutlich stärken werde, ist er überzeugt.

Auch sei die Planungswerkstatt – anders als von manchen befürchtet – keineswegs eine Alibi-Veranstaltung gewesen. Die Bürger hätten das Gefühl gehabt, ernst genommen zu werden. „Ich bin begeistert vom Engagement und den Arbeitsergebnissen der rund 80 Teilnehmer. Auch die Präsentationen wurden von allen Arbeitsgruppen sachlich und qualifiziert vorgetragen. In dieser Bürgerschaft steckt ein Potential, welches leider von der Gemeinde anscheinend bisher nicht erkannt worden sei. Ein Lob der IBgW geht auch an das Planungsbüro TEAM 4, das die Planungswerkstatt sehr gut organisiert und mit großem Engagement begleitet habe.

Überrascht wurden die Teilnehmer von der kurzfristig und ohne Vorinformation angesetzten Änderung des Arbeitsablaufes mit nun vier anstatt drei Arbeitsgruppen bis hin zur Verlängerung des zeitlichen Rahmens um eine Stunde.

Die Erwartung vieler Bürger, dass ihre Vorstellung von ihren Vertretern im Marktgemeinderat aufgegriffen und politisch umgesetzt werde, ist nach Selz Einschätzung nur allzu selbstverständlich. Die Planungswerkstatt sei ein Lackmustest dafür, wie ernst es vor allem die Mehrheitsfraktion von CSU und FW mit der Bürgerbeteiligung nehme.

Ein weiteres wesentliches Ergebnis der Planungswerkstatt: Die wachsende Verkehrslawine im Wendelsteiner Altort (Hauptstraße). Als Alternative schlugen die mit dem Thema Verkehr befassten Bürger eine Verkehrsführung vor, die den morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr auf die weniger genutzte Röthenbacher Straße mit attraktiver Auffahrmöglichkeit zur Staatsstraße in Richtung Autobahn und Zollhaus lenkt. Der Altort soll nur noch für Anlieger (Bewohner, Kunden, Besucher) per Auto befahrbar sein. Eine Südumgehung, die die wertvolle Offenlandschaft südlich von Raubersried unwiederbringlich zerstören würde, lehnte die weitaus überwiegende Mehrheit der versammelten Bürger ab.

Weitere geforderte Verbesserungen in der Verkehrsplanung: Wer Wendelstein vom Autoverkehr entlasten wolle, müsse den Busverkehr und den Radverkehr attraktiver machen. Die Bustarife müssten gesenkt, die Kornburger Stadtbuslinie nach Großschwarzenlohe verlängert, der Abend- und Wochenendtakt verdichtet werden. Für Innerorts-Busfahrten brauche es ein günstiges Wendelstein-Ticket. Die auf längere Sicht geplante Stadtbahnlinie nach Kornburg müsse bis nach Wendelstein und Schwanstetten geführt werden. Beim Radverkehr müssten Lücken im Radwegenetz geschlossen, über die Ausweisung von Radstraßen nachgedacht und der Altort mit ordentlichen Radabstellplätzen ausgestattet werden.

Auf große Bürger-Ablehnung stieß bei der Planungswerkstatt die umstrittene Reihenhaus-Siedlung auf dem ehemaligen Hörnleingelände. Als eine Arbeitsgruppen-Sprecherin deutlich machte, dass man das Hörnlein-Gelände so ziemlich für das glatte Gegenteil von sinnvoller Siedlungsentwicklung halte, erhielt sie den stärksten Beifall des Tages. Auch das mit dem Flächennutzungsplanung beauftragte Planungsbüro TEAM 4 scheint damit nicht ganz glücklich zu sein, wie aus Äußerungen von TEAM 4-Chef Bauernschmitt heraus zuhören war. So nannte er das Konzept für die Bebauung des früheren Hörnleinareals und die Errichtung des Kaufland-Supermarktes auf der grünen Wiese eine „städtebauliche Fehlentwicklung“ und empfahl Wendelstein eine kleingliedrige Siedlungsplanung.

Reinhold Selz, Sprecher der Initiative "Bürger gestalten Wendelstein" · Tel.: 09129-907193 · E-Mail: InitiativeBuergergestaltenWendelstein@gmx.de · www.meier-magazin.de/initiative-buerger-gestalten-wst

Von: Reinhold Selz (Sprecher der Initiative), Montag, 10. April 2017 - Aktualisiert am Dienstag, 11. April 2017
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