Lesung mit Harfenbegleitung

Schwanstetten Leerstetten - Gedichte von Hermann Hesse, Literaturnobelpreis 1946

  • © KV Spectrum

Es war ein spannender und unterhaltsamer Abend mit Gedichten von Hermann Hesse in der Kulturscheune in Leerstetten. Heinz-Peter Lehmann als Rezitator, begleitet von Wolfgang Kerscher an der keltischen Harfe, hatte eingeladen und trug Gedichte des Literaturnobelpreisträgers von 1946 vor.

Hesse, geboren 1877, wurde in den 1970ern Jahren zum Idol der rebellischen Jugend, zuerst in den USA und Japan, in der Folge dann auch in Europa. Seine Romane „Steppenwolf“, „Siddharta“ oder „Das Glasperlenspiel“ verschafften ihm, besser seinen Verlegern, in diesen siebziger Jahren (lange nach seinem Tod 1962) eine Auflage von über 150 Millionen weltweit verkauften Büchern.

In seinen etwa 700 Gedichten spiegelt sich die ganze Zerrissenheit der Persönlichkeit Hesses wider. Hesse, der mit 14 Jahren seinen ersten Selbstmordversuch mit dem Revolver seines Vaters unternahm, war zeit seines Lebens immer wieder für längere Phasen in psychiatrischer Behandlung. In seinen Biografien wird der Künstler als manisch-depressiv bezeichnet. Tiefe Selbstzweifel wechseln sich mit Euphorie – strahlende Überzeugungskraft paart sich mit Depression und Selbstgeißelung. Genau dies darzustellen gelang Lehmann mit einer Auswahl von 25 spannenden Gedichten und öffnete damit einen völlig anderen Blick auf Hermann Hesse.

Schon im ersten Gedicht „an den indischen Dichter Bhartrihari“, den er als seinen Vorfahren und Bruder bezeichnet (er lebte um 500 n.Chr.), legt Hesse seine Zerrissenheit dar. Er beschreibt sich selbst als Wüstling, Denker, Tier, Heiligen, Weisen und Narr, der mit blutbefleckten Händen seinen Weg vollenden muss. „… und alle speien aus und fliehen mich … mir selbst wie euch verhasst, ein Gräuel jedem Kinde“.
Schon folgt der erste Kontrapunkt: In lyrischer Opulenz und voll Begeisterung gelingt Hesse in „Sprache“ eine der schönsten Oden an die Dichtkunst. In der satirischen „Ballade vom Klassiker“ demaskiert er den scheinheiligen Literaturzirkus seiner Zeit. Spätesten hier wurde den Besuchern klar, dass keine leichte literarische Kost auf sie zukommen würde!

Seine Gedichte über Liebe und Frauen sprechen von ewig unerfüllter Sehnsucht, enttäuschter Liebe und Verlassensein. Er zeigt sich als romantischer Verehrer, aber auch als derber Wüstling und Verführer. Diese Zeilen aus „der Mann von 50 Jahren“ würde ihm heute niemand durchgehen lassen! ...
In „Hingabe“ schildert Hesse erneut die dunkle Seite seiner Gefühle ...

Die Beschreibung seiner Beziehungen zum weiblichen Geschlecht zeigt seine Zerrissenheit zwischen tiefer Sehnsucht und Verlassenheit einerseits und Überdruss und Übersättigung zum anderen.
Die düstere Darstellung der Einsamkeit in seinem berühmten Gedicht „Nebel“ stand eher für romantische Lyrik und in hartem Kontrast zu den Schlusszeilen von „0 so in später Nacht“ in denen Hesse die „tröstliche“ Nachricht vermeldet: „… dem Lebenmüssen folgt das Sterbendürfen“! Selbstverachtung und Todessehnsucht sprechen aus seinen Zeilen in „Betrachtung“: ... „so schlimm wie das Leben kann der Tod nicht sein!“

Kein Wunder, dass Sterben und Tod ein prägender Inhalt des Abends war. Es wurde deutlich, dass der Dichter ganz gut mit dem Tod klarkommt, aber nur sehr schlecht mit dem Leben. Die ganze Widersprüchlichkeit Hesses zeigt Lehmann dann mit dessen Gedicht: „Alt werden“ und den darin enthaltenen lebensbejahenden Zeilen: „der Tod ist weder dort noch hier, er steht auf allen Pfaden. Er ist in dir und ist in mir, sobald wir das Leben verraten.“
Als hätte er's geahnt, hört man in „Sterbelied eines Dichters“: „Der berühmte Hesse ist verschwunden, bloß der Verleger lebt noch von seinen Kunden…“. Hesse fand es in diesem Gedicht auch wenig erstrebenswert, wieder geboren zu werden. Seinen Blick aus dem Jenseits beschreibt er wie folgt:
„… Ich bleibe aber lieber im Schatten, bleibe im Nichts und ungeboren und ungeschoren im Jenseits verloren. Da kann man über alle diese Sachen lachen, lachen, lachen.“

Geschickt setzte Lehmann dann als positives Ende des Abends das wohl berühmtes Gedicht Hesses: „Stufen“. Aus ihm stammen nicht nur Hesses wohl am meisten zitierter Satz: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ sondern auch die aufmunternden Schlusszeilen: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Das Publikum war begeistert, dieser Blick auf Hesse war den meisten neu. „Ich muss unbedingt meinen Hesse, den ich vor 30 Jahren begeistert gelesen habe, wieder hervorholen…“ meinte eine Besucherin aus Schwabach.

Ein hoch anspruchsvoller Abend mit literarisch nicht immer leichter Kost. Die kongeniale Begleitung durch Wolfgang Kerscher mit seiner keltischen Harfe half zwischen den Gedichten beim Nachdenken und versetze das Publikum in die Stimmung, die einen solchen Abend zu einem unvergessenen Erlebnis macht.

Von: Heinz-Peter Lehmann (Vorsitzender), Donnerstag, 31. Oktober 2024 - Aktualisiert am Montag, 02. Dezember 2024
Weitere Informationen, Artikel und Termine von »« finden Sie unter: www.meier-magazin.de/firma/-/4064

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