Social Media bedroht Gleichstellung
Roth - Zum 25. Mal hat in Roth der Mädchenaktionstag des Kreisjugendrings stattgefunden. Knapp 70 Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren konnten sich in sieben verschiedenen Workshops ausprobieren und Neues lernen. Wichtiger, denn je. Schließlich sind nach Ansicht von KJR-Geschäftsführerin Anja Völkl und Stellvertreterin Daniela Potzler Rückschritte bei der Gleichstellung bereits sichtbar.
Der Mädchenaktionstag des Kreisjugendrings Roth (KJR) hat Geburtstag gefeiert. Zum 25. Mal waren Mädchen von zehn bis 14 Jahren zu einem umfangreichen Programm in die Schule am Stadtpark eingeladen, um Neues und Untypisches auszuprobieren. Der Kreisjugendring will Mädchen damit helfen, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und festgefahrene Rollenmuster zu durchbrechen. Graffiti, Fotografie, Improvisationstheater, Austausch zur Pubertät und Erste Hilfe standen unter anderem auf dem Workshop-Programm. „Vermittlung von Wissen und Kompetenzen in einem geschützten Raum“, sind Hauptziele des Mädchenaktionstags.
Spezifische Angebote, bei denen Mädchen und junge Frauen unter sich bleiben und sich ohne Mansplaning ausprobieren und entwickeln können, sind heute wichtiger, denn je, finden KJR-Geschäftsführerin Anja Völkl und ihre Stellvertreterin Daniela Potzler. Denn vor allem aufgrund Social Media sind die positiven Entwicklungen beim Kampf um Gleichstellung in den vergangenen 30 Jahren bedroht. So lange ist es her, dass der Bayerische Jugendring eine eigene Mädchen- und Frauenkommission eingerichtet hat. Der weibliche Teil der Gesellschaft sollte dabei unterstützt werden, seine eigenen Stärken zu entdecken, eigene Entscheidungen zu treffen, Selbstvertrauen aufzubauen und mehr Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen.
Durch Tradwives und frauenhassende Alpha-Männer mit entsprechenden Netz-Auftritten werden traditionelle Rollenbilder jedoch wieder stark in den Köpfen junger Menschen verankert. „Krasse Rollenzuschreibungen, Cyber-Mobbing sowie Deep Fakes und andere Manipulationen betreffen zu 90 Prozent Frauen“, wissen Völkl und Potzler. Diese Rückschritte zeigen schon deutlich Wirkung. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Ipsos“ vertraten Männer der Generation Z im Vergleich der Altersgruppen in allen 29 einbezogenen Ländern die rückständigsten Auffassungen zur Rollenverteilung. „Frauen sind also zunehmend wieder von spezifischen Herausforderungen, Erwartungen und Ungleichheiten betroffen“, stellt man bei KJR Roth fest.
In diesem Rahmen sind „Mädchen und Frauen hohem gesellschaftlichem Druck ausgesetzt“, so Völkl und Potzler. „Angefangen von Aussehen und Verhalten bis hin zu Zukunftsplänen und Sexualität“, zählen die beiden Sozialpädagoginnen auf. Um hier Wege der Selbstbehauptung aufzuzeigen „können geschützte Räume ohne Anwesenheit von Jungs Lernerfahrungen, Beteiligung und positive Strukturen fördern“. Denn in reinen Mädchengruppen beteiligen sich Mädchen oft intensiver und übernehmen eher Führungsrollen. „Sonst sind die Jungs die Rampensauen.“
Geleitet werden die sieben verschiedenen Workshops, von denen jedes der knapp 70 teilnehmenden Mädchen aus dem gesamten Landkreis drei auswählen darf, natürlich ausschließlich von Frauen. „Coole und kompetente weibliche Vorbilder sind wichtig“, heißt es dazu. Allerdings sollten nicht ausschließlich Frauen für Frauenrechte eintreten. „Alle sollten Feministen sein“, findet Daniela Potzler, „Denn Feminismus heißt nichts anderes als gleiche Rechte für alle.“ Dazu gehöre auch, dass vollzeitarbeitende Frauen nicht als Rabenmütter und Hausmänner nicht als Weicheier gesehen werden.
Vor über 25 Jahren haben die Überlegungen zu einem eigenen Mädchenangebot im Landkreis Roth an die Initiativen im Bayerischen Jugendring angeknüpft. Schon damals war Anja Völkl maßgeblich beteiligt. Für die heute 46-jährige war es ihre Praktikums-Aufgabe beim KJR Roth den ersten Mädchenaktionstag zu planen und zu organisieren. Auftakt war 2001 in der Kulturfabrik. Ausgefallen ist er lediglich 2020. Pandemiebedingt. Für Völkl war es eine prägende berufliche Erfahrung. 2013 hat sie beim KJR Roth hauptberuflich angeheuert. Seit 2017 ist Völkl Geschäftsführerin. Mädchenarbeit soll allerdings nicht nur ihre Organisatoren prägen, sondern insbesondere die Teilnehmerinnen. Paula Ludwig-Molitor aus Roth ist das beste Beispiel dafür, dass das gelingt. Für sie waren Mädchenaktionstag und Mädchencamp wichtige Stationen. Heute ist die 29-jährige selbst Medienpädagogin in Nürnberg und stellvertretende Vorsitzende des KJR Roth.
Generell hat Mädchenarbeit im KJR Roth einen großen Stellenwert. Neben dem Aktionstag veranstaltet der KJR jährlich am internationalen Mädchentag in Kooperation mit den Jugendtreffs der Gemeinden den „Mädelstag“ und hat mädchenspezifische Angebot im Jugendpass verankert. Ferner nimmt der KJR am „Girls-und-Boys-Day“ teil, dem bundesweiten Aktionstag zur klischeefreien Berufsorientierung der fünften Klassen, und bietet ein eigenes Mädchencamp an, bei dem sich alle Teilnehmerinnen frei entfalten und klischeefrei ausprobieren können. Bei allen Projekten speziell für Mädchen ist auch der Spaß und die gegenseitige Solidarität wichtig. Selbstbewusstsein und Teilhabe sollen gestärkt sowie Schutz vor Diskriminierung und Gewalt implementiert werden.
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