Stadttauben in Nürnberg

Nürnberg - Stadttauben hungern, Tierschutzverein für Stadttauben und Wildtiere »Ein Haus für Stefan B« übernimmt die Notfütterung.

  • Junge Taube, ca. 6 Tage alt, sie ist aus dem Nest gefallen und kam in eine Pflegestation.

    Junge Taube, ca. 6 Tage alt, sie ist aus dem Nest gefallen und kam in eine Pflegestation.
    © Heli Ditterich

  • 2 Jungtauben, zwischen Müll und Abfall gefunden, auch sie wurden in einer Auffangstation aufgepäppelt.

    2 Jungtauben, zwischen Müll und Abfall gefunden, auch sie wurden in einer Auffangstation aufgepäppelt.
    © Heli Ditterich

  • Tauben auf dem Dach

    Tauben auf dem Dach
    © Ein Haus für Stefan B

Stadttauben

Im Jahre 2016 wurde der Tierschutzverein für Stadttauben und Wildtiere in Nürnberg e.V. "Ein Haus für Stefan B" (Stellvertreter für alle Nachfahren der Brieftaube) in Nürnberg ins Leben gerufen. Durch regelmäßige Infoabende mit anschließender  Diskussionsrunde will der Verein Bürgerinnen und Bürger über die Situation der Stadttauben aufklären.

Dabei wird über Infos und Tipps wie man mit Stadttauben umgehen sollte, die auf dem eigenen Balkon  brüten bis hin zu der Frage wieso wir Menschen unsere heimischen Singvögel füttern, aber eine verletzte Straßentaube hilflos am Straßenrand  liegen lassen sowie ein breites Spektrum dessen angeschnitten was uns Menschen für und gegen die Taube bewegt.

Wichtig ist dabei zu wissen, dass Stadttauben wie alle unsere Zucht- und Rassetauben und unsere Brieftauben Nachfahren der Felsentaube sind. Durch menschliche Eingriffe in den Fortpflanzungsprozess wurden Zucht-, Rasse-, Brief- und Straßentauben genetisch so verändert, dass sie uns Menschen maximal nützlich sind und sich rasch vermehren. Eier, Federn, ja sogar der Kot wurde von uns Menschen verwertet und als Dünger verwendet.

Brieftauben schickte man in den Krieg und die Berühmteste unter ihnen hat sogar eine Ehrenmedaille erhalten, weil sie 154 Menschen gerettet hat.

Einst waren sie angesehen, die Tauben. Der Geist Gottes, die Helden des Krieges, dass Symbol für Reinheit, doch heute lassen wir sie im Stich. Der Fall der Straßentaube ist tief. Bis in die dunkelsten und elendsten Ecken in unseren Straßen fristen sie ein erbärmliches Dasein. Im Dreck geboren, sterben viele im Dreck, verraten von denen, denen sie ihre Existenz verdanken. Nicht genug damit, sie werden verjagt, gequält und überfahren, verstricken sich in Taubenabwehrnetzen oder ihre Jungen spießen sich auf den Vergrämungs-Spikes unserer erbarmungslosen Großstädte auf.

An manchen Hochzeiten lässt man weiße Tauben fliegen, als Symbol des Friedens, (schneeweiße Tauben als Glücksbringer der Liebe) die anderen bezeichnen Tauben als Ratten der Lüfte. Dabei sind die meisten negativen Eigenschaften die ihnen nachgesagt werden fachlich falsch oder zumindest nicht erwiesen. Laut einer Studie des Robert Koch Institutes gab es bei einer Betrachtung über die Dauer von 10 Jahren keinen einzigen nachgewiesenen Fall weltweit in dem eine Krankheitsübertragung von der Taube auf den Menschen stattgefunden hat.

Stadttauben brüten auf hohen Gebäuden, auch auf ruhigen Balkonen, weil sie als Nachfahre der Felsentaube auf Bäumen keinen Halt finden. Das ist auch der Grund wieso wir sie in den Städten finden, obwohl dort für sie kaum artgerechtes Futter zu finden ist. Eine Stadttaube frisst aus purer Verzweiflung und um den Hungertod zu entgehen unsere Essensreste und Müll wie Brezen und Bratwurst, eben was auf unseren Straßen achtlos weggeworfen wurde.

Auf der Suche nach Nahrung legen sie bis zu 10 km täglich zu Fuß zurück. Fliegen ist für die Taube ein Hochleistungssport und kostet viel kostbare Energie. Der Radius innerhalb dessen sich eine Stadttaube bewegt ist aber nicht nur deshalb sehr begrenzt. Sie ist - und das ist auch eines jener angezüchteten Eigenschaften- extrem standorttreu. Aus Straßentauben werden daher niemals Zugvögel, auch nicht wenn sich das so mancher wünschen mag.

Städte wiederum bilden keine besonders idealen Lebensbedingungen für potentielle Feinde der Tauben. So konnten sich Tauben in den letzten Jahrzehnten ungehindert vermehren. Da das Brutverhalten nicht wie bei unseren reinen Wildvögeln abnimmt, wenn nicht genug Futter zur Verfügung steht bleibt durch den Eingriff des Menschen das Brutverhalten bei den Tauben unabhängig von Nahrungsmangel oder idealen Brutplätzen bestehen. Entgegen ihren Vorfahren, der Felsentaube, die wie die meisten Wildvögel max. zwei mal zu festen Zeiten brüten, brüten Zucht-, Rasse-, Brief- und Stadttauben bis zu 12 mal im Jahr.

Eine ideale Möglichkeit, die Stadttaubenpopulation tierschutzgerecht und gesetzeskonform in den Griff zu bekommen stellen dabei betreute Taubenschläge dar. Die Tauben erhalten dort geschützte Brutplätze, Wasser und Futter und im Gegenzug werden ihre Eier kontrolliert durch Attrappen ausgetauscht.

Augsburg war 1997 die erste deutsche Stadt, die das Ziel eines betreuten Taubenschlages konsequent verfolgte. Taubenstationen mit Nistplätzen und artgerechtem Körnerfutter. Dieses Taubenprojekt auch "Augsburger Modell" genannt, wurde mittlerweile in vielen deutschen Großstädten wie in Frankfurt am Main erfolgreich umgesetzt.

Ehrenamtliche Tierschützer übernehmen die Betreuung und Säuberung des Taubenschlages. Die Tiere werden regelmäßig gefüttert und medizinisch betreut. Eier werden ausgetauscht, so kann man nicht nur große Tauenpopulationen verhindern, es bleiben auch ca. 80 % des Taubenkots im Schlag.

Auf diese Art kann die Stadt helfen, den Bestand der Tauben tierschutzkonform zu regulieren und einen gesunden Stadttaubenbestand zu erlangen. Eine echte win-win-Situation für Mensch und Tier: die Stadt bleibt sauberer, die Belästigungen des Menschen durch die Taube gehen zurück und die Tiere können ein artgerechtes gesundes Leben führen ohne sich unkontrolliert zu vermehren.

Während des Lockdowns hat sich die Situation für die Stadttauben verschlechtert. Futterquellen gibt es kaum noch, da auch nicht mehr so viele Menschen unterwegs sind. Der Kälteeinbruch hat die Lage weiter dramatisch verschärft.

Stadttauben hungern, Tierschutzverein für Stadttauben und Wildtiere "Ein Haus für Stefan B" übernimmt die Notfütterung.

Und so findet, wie bereits beim ersten Lockdown im Vorjahr, seit dem 4. Januar in Absprache mit dem Umweltreferat eine kontrollierte Corona-Notfütterung an ausgewählten Orten statt. Die Maßnahme ist auf drei Monate begrenzt. Bei den Fütterungen haben die Ehrenamtlichen stets ihren Vereinsausweis und ein entsprechendes Schreiben der Stadt dabei. Sie werden zu festen Zeiten an insgesamt sechs vereinbarten Plätzen durchgeführt: der Verein trägt dabei die Kosten selbst.

An den Futterplätzen wird die Futtermenge, die Dauer der Fütterung, die Anzahl der Tiere und deren körperlicher Zustand genau dokumentiert. Dabei werden die Futterstellen genau beobachtet, bis kein Korn mehr übrig ist. Eventuelle Reste werden aufgekehrt.  Auch das gehört zu den Auflagen der Stadt. Da die Futtermenge aber auf die Größe der Population abgestimmt wird, war das Aufkehren bisher nicht nötig.

Die Aufzeichnungen werden vom Verein ausgewertet und das Ergebnis bei einem gemeinsamen Termin mit dem Umweltreferat besprochen um daraus Rückschlüsse für ein etwaiges zukünftiges Taubenmanagement zu ziehen.

Schon seit geraumer Zeit bemühen sich Nürnbergs Stadträte zusammen mit dem jetzigen Oberbürgermeister um eine geeignete Immobilie um zusammen mit dem Tierschutzverein für Stadttauben und Wildtiere in Nürnberg e.V. - "Ein Haus für Stefan B" ein Pilotprojekt "betreuter Taubenschlag" zu starten.

Nachdem sich mehrere städtische Gebäude als ungeeignet für das Pilotprojekt erwiesen haben, führen die Tierschützer mit Rückenwind des Oberbürgermeisters Marcus König nun Gespräche mit einem Wohnungsbauunternehmen. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um den Stadttauben auf langer Sicht zu helfen.

Zur Information: das Füttern von Tauben ist nach wie vor von der Stadt Nürnberg verboten. Die Stadt Nürnberg hat dem Verein eine Genehmigung zur Notfütterung von drei Monaten erteilt.

Wenn Sie Fragen rund um die Stadttauben in Nürnberg haben, dürfen Sie sich gerne an unseren Verein wenden.

Von: Heli Ditterich (Tierschutzlehrerin), Donnerstag, 18. Februar 2021 - Aktualisiert am Donnerstag, 25. Februar 2021
Weitere Informationen, Artikel und Termine von »Tierschutzverein-Noris e.V.« finden Sie unter: www.meier-magazin.de/tierschutzverein-noris
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