„Stressfreie Mobilität? Haben wir selbst in der Hand!“
Wendelstein - Wo bleibt Wendelsteins Verkehrswende? Das fragten sich nicht wenige jüngst bei einer Veranstaltung der Initiative „Bürger gestalten Wendelstein“ (IBgW). Von den örtlichen Politikern ist hier mehr Mut gefragt. Gefordert sind aber vor allem wir Bürger – jeder von uns!
Wendelstein – Am Ende war wohl den allermeisten klar: Auch wenn Wendelstein unter Durchgangs- und Pendlerverkehr leidet – eines der großen Verkehrsprobleme ist der Binnenverkehr mit täglich 24 400 innerörtlichen Kurzstreckenfahrten (Verkehrszählung 2021). Zumeist mit Auto. „Durchgangs- und Pendlerverkehr können wir Wendelsteiner kaum beeinflussen. Beim hohen innerörtlichen Autoverkehrsaufkommen haben wir es dagegen selbst in der Hand, für stressfreie Mobilität im Ort zu sorgen“, stellte Wolfgang Ermel bei einer Veranstaltung der parteiunabhängigen Ortsinitiative fest. Ermel beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den örtlichen Verkehrsplanungen.
Die harten Fakten zum Wendelsteiner Verkehr, so erinnerte Ermel vor rund 30 Zuhörern, hätten von 2021 bis 2024 Verkehrsplaner im Auftrag der Gemeinde Wendelstein ermittelt: Danach gibt es täglich 8900 Fahrten Durchgangsverkehr zumeist über Wendelsteins Umgehungsstraßen – von der Gemeinde kaum beeinflussbar. Ähnlich sieht es bei den 31 570 Fahrten von und nach Wendelstein (größtenteils Pendler) aus. Nur ein teurer Ausbau des Busangebots könnte den Verkehr etwas entschlacken.
Zwei Gemeinderatsbeschlüsse, „was man nicht will“
Beim Binnenverkehr (mit Tausenden von Autofahrten von meist nicht mehr als zwei Kilometern) hätten es die Bürgerschaft und die örtliche Politik dagegen selbst in der Hand, Wendelsteins verstopfte Innenortsstraßen zu entlasten, Radfahren sicherer zu machen und für mehr Aufenthaltsqualität im Altort zu sorgen. Schon jetzt, so berichtet Ermel unter Berufung auf das Münchner Planungsbüro Stadt-Land-Verkehr, seien die Anteile des Fußgängerverkehrs mit 14 Prozent und die des Radverkehrs mit 12 Prozent beachtlich.
Um diese Anteile zu erhöhen, müsse Wendelstein allerdings fußgänger- und fahrradfreundlicher werden. Der von CSU und FW/FDP majorisierte Gemeinderat habe sich in diesem Punkt zuletzt allerdings nicht sonderlich ambitioniert gezeigt – trotz klarer Bürgervoten bei dem Verkehrs-Planungsworkshop im Herbst 2022, kritisierte der IBgW-Vertreter unter Zustimmung von etlichen der rund 30 Besucher. Bisher gebe es lediglich „einen Beschluss, was man will (Tempo 20 im Altort), dafür aber zwei Beschlüsse, was man nicht will (Sperrung der Schwarzachbrücke, Umbau des Plärrers)“, berichtet Ermel. Der Rest seien Prüfungsaufträge.
Vor allem aber das im Frühjahr beschlossene Nein der konservativen Gemeinderatsmehrheit zu Fahrradstraßen stieß bei vielen Besuchern der IBgW-Veranstaltung auf großes Unverständnis. Selbst gegen einen zeitlich befristeten Test auf der Allerheiligenstraße in Kleinschwarzenlohe hatte sich eine knappe Gemeinderatsmehrheit in nichtöffentlicher Sitzung (!) Ende Juni ausgesprochen. Bei der IBgW-Infoveranstaltung war im Übrigen keiner der örtlichen Parteien vertreten.
Versammlung einmütig für Fahrradstraßen-Test
„Gegen einen Probebetrieb kann doch wirklich keiner was haben“, wunderte sich ein Bürger. Und: Das könne doch unmöglich das letzte Wort sein, ergänzte ein anderer Diskussionsteilnehmer. Und: Wie passe es zu Wendelsteins Grundsatzbeschluss, den Radverkehrsanteil von 12 auf 17 Prozent zu erhöhen und radfreundliche Kommune zu werden, wenn man in Sachen Radförderung so mutlos agiere. Am Ende sprachen sich die Versammelten einmütig – ein bunter Mix aus zwei Altort-Geschäftsleuten, Fahrradnutzern, Autofans, Pendler und Experten vom Verkehrsclubs Deutschland (VCD), jüngere und ältere Wendelsteiner, Männer und Frauen – für eine (für Autos geöffnete) Fahrradstraße auf der Sperbersloher Straße zwischen Esso-Kreisverkehr und Plärrer aus.
Was bei der IBgW-Veranstaltung aber auch klar wurde: Diskussion über Verkehr bleiben nie ohne Kontroverse. Wenn sie aber, wie bei der IBgW-Veranstaltung, fair bleiben und von gegenseitigem Zuhören geprägt sind, ist der Weg zu einem Miteinander nicht weit. Einige Veranstaltungs-Teilnehmer warnten beispielsweise vor allzu großen Einschränkungen für Pkws. „Ich finde es nicht richtig, das Autofahren madig zu machen“, klagte ein jüngerer Veranstaltungsbesucher. Nach einem stressigen Arbeitstag habe nicht jeder Lust, Bus und Bahn zu nutzen. Geschäftsleute aus dem Altort betonten wiederum, wie wichtig es sei, dass sie von Kunden mit dem Pkw angefahren könnten.
Dass eine Verkehrswende bei allen Zwängen dennoch ein „Umparken im Kopf“ erforderlich mache, machten andere Bürger deutlich. Kleinere Einkäufe könnten mit gesunden Spaziergängen verbunden werden, Fahrradnutzer ersparten sich Parkstress im Altort. Und bei manchen Autofahrten sei nicht jede seit Jahren genutzte Standardroute wirklich smart. „Ich bin früher auf dem Weg vom Hauptort nach Feucht oft durch Röthenbach gefahren, bis ich gemerkt habe, dass die Route über die Umgehungsstraßen viel stressfreier ist. Außerdem schone ich damit die Nerven der lärmgeplagten Röthenbacher Altort-Bewohner“, berichtete ein jüngerer Teilnehmer.
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