Warum die Aufrüstung der Juraleitung überflüssig ist
Region - Aktuell kochen wieder die Gemüter hoch, wo die aufgerüstete Juraleitung in unserer Region verlaufen soll. Interessant ist die Dünnhäutigkeit einiger prominenter Politiker, die unter allen Umständen die Diskussion über den Sinn der Aufrüstung vermeiden wollen. Zu Recht, denn fast alle aktuellen Entwicklungen sprechen dafür, dass man die Planung endlich überdenkt.
Im Jahr 2013 wurden in einem Bedarfsplan die Grundlagen gelegt für den Umbau der Stromversorgung in Deutschland. Der Bedarfsplan erfolgte auf Basis von Schätzungen über den zukünftigen Verbrauch an Strom und den notwendigen Anlagen für dessen Erzeugung. Für die Erstellung des Bedarfsplans nutzte die zuständige Bundesnetzagentur die Expertise der vier großen Netzbetreiber in Deutschland. Definitiv haben die Netzbetreiber das Wissen, um auf Basis von geschätztem Stromverbrauch und Stromerzeugung auch die Planung der notwendigen Leitungskapazitäten zu übernehmen. Die Crux an der Sache ist die, dass das deutsche Parlament meistens unkritisch (ohne Öffentlichkeit) der Bundesnetzagentur folgt und ein Gesetz daraus macht.
Ausgestattet de facto mit einem Blankoscheck und garantierter Rendite, machten sich die Netzbetreiber ans Werk. Inzwischen sind die ursprünglich geschätzten Kosten für den Ausbau des Übertragungsnetzes auf das Zehnfache angestiegen und es ist noch kein Ende in Sicht.
In den letzten Jahren haben sich viele Parameter massiv geändert und trotzdem werden die Planungen nicht angepasst.
1. Der Stromverbrauch steigt nicht mehr an, wie prognostiziert, sondern sinkt! Das ist also genau das Gegenteil der Planungsgrundlage. Laut Umweltbundesamt sank der Stromverbrauch in den Jahren 2022 und 2023 auf den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung.
2. Der Ausbau der regenerativen Energieträger im Bereich Photovoltaik und Windenergie an Land wurde in den Jahren 2014 bis 2021 eher gebremst denn gefördert. In Bayern wurde 2014 der Ausbau der Windenergie praktisch gestoppt. Doch inzwischen werden neue PV-Anlagen in Rekordzahl installiert und auch in Bayern werden wieder Windräder geplant und gebaut.
3. Durch die Verfügbarkeit von billigen Speichern geht der Strombedarf der Privathaushalte zurück.
4. Die Entwicklung von Großspeichern zur Überbrückung von Dunkelflauten schreitet massiv voran. Dabei kommen inzwischen auch Technologien zum Einsatz, die umweltfreundlicher und billiger zu haben sind wie bisherige Batterien auf Lithium-Basis.
5. Der Krieg in der Ukraine sollte uns klarmachen, dass der Frieden ein fragiles Gebilde ist. Für die Verteidigungsfähigkeit ist es definitiv besser, mit vielen dezentralen Einheiten zu arbeiten als mit großen Anlagen, die sehr verwundbar sind.
6. Die Kosten sind derart aus dem Ruder gelaufen, dass selbst der Bund es sich anscheinend nicht leisten kann, einen Netzbetreiber zu übernehmen. Es droht die Übernahme durch Finanzjongleure und damit sind wir vielleicht mit unserer wichtigsten Infrastruktur bald direkt abhängig von obskuren Milliardären, womöglich aus Asien, den USA oder arabischen Geldgebern.
Anstatt die vielen Hunderten von Milliarden Euro in die vier Netzbetreiber zu stecken, wäre es für unser Land lukrativer, das Geld in die Entwicklung und Förderung von dezentralen Energiekonzepten zu investieren. Das schafft Knowhow und bringt neue Technologie-Kompetenz ins Land. Die Ära der bidirektionalen E-Autos mit der Nutzung der daraus resultierenden Möglichkeiten wird stattdessen wieder einmal von anderen Ländern vorangetrieben (Stichwort V2X).
Wir halten dagegen und wollen ein dezentrales Energiekonzept, bei dem die Wertschöpfung in der Region bleibt. Deshalb darf die Tennet GmbH gerne die alte Juraleitung durch eine neue mit gleicher Leistung ersetzen, aber die gigantischen Stromtrassen für den Energietransport quer durch Europa brauchen wir nicht. Die sorgen nur dafür, dass viel Geld von uns in den Taschen von Netzbetreibern und Stromkonzernen landet. Als „Belohnung“ bekommen wir riesige Strommasten inklusive Umweltschäden in die Landschaft gestellt.
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