Was erwartet mich bei einer Pflegebegutachtung?

Region - Sie haben für sich selbst oder für einen Angehörigen Leistungen aus der Pflegeversicherung beantragt und einen Termin vom Medizinischen Dienst erhalten? Wie läuft eine Pflegebegutachtung ab? Was sollten Sie beim Gespräch mit dem Pflegegutachter beachten?

Circa 14 Tage nach dem Pflegeantrag bei Ihrer Pflegekasse erhalten Sie vom Begutachtungsunternehmen (Medizinischer Dienst bzw. Medicproof) schriftlich einen Termin für die Durchführung einer Pflegebegutachtung. Manchmal werden Sie zur Terminvereinbarung auch angerufen.

Bei der Begutachtung ermitteln Gutachter (meist jahrelang erfahrene Pflegefachkräfte) mithilfe eines Fragenkatalogs die Ausprägung bzw. Beeinträchtigung der Selbständigkeit und Fähigkeiten im Hinblick auf sechs Lebensbereiche (auch „Module“ genannt), wie bereits im letzten Artikel erläutert. Es wird nach aktuellen Krankheiten und Vorerkrankungen gefragt und sich ein Eindruck verschafft, was die Pflegebedürftigen im täglichen Leben noch selbstständig erledigen können und wobei sie dauerhaft von einer anderen Person unterstützt werden müssen.

Neben der Befragung führen die Gutachter auch Funktionsprüfungen durch, zum Beispiel des Stütz- und Bewegungsapparates: Wie weit können Sie mit Ihren Armen in den Nacken greifen? Schaffen Sie es im Sitzen, mit Ihren Händen den Boden zu erreichen? Können Sie allein aus dem Bett aufstehen? So beurteilen die Gutachter, inwieweit die Antragsteller in der Lage sind, selbstständig aufzustehen oder zu gehen. Ebenfalls beurteilen die Gutachterinnen und Gutachter, ob psychomentale Einschränkungen vorliegen.

Bei der Untersuchung im Wohnbereich des Pflegebedürftigen werden die Gutachter neben medizinisch-pflegerischen Aspekten auch die häusliche Pflege- und Versorgungssituation sowie das soziale Umfeld beurteilen: Wer pflegt Sie und an wie vielen Tagen pro Woche? Brauchen Sie nur tagsüber oder auch nachts Hilfe? Ist Ihr Badezimmer barrierefrei oder müssen Sie Schwellen und Stufen in Ihrem Wohnbereich überwinden?

Die Gutachterin oder der Gutachter wird ferner Vorschläge zu notwendigen Maßnahmen unterbreiten, die geeignet und zumutbar sind, um die Pflegesituation zu verbessern, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder einer Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit entgegenzuwirken.

Bei Antragstellung für stationäre Pflege erfolgt die Begutachtung in der entsprechenden Pflegeeinrichtung.
 
Die Antragsteller erhalten auf der Grundlage des Gutachtens eine schriftliche Mitteilung über Art und Umfang der Leistungen von ihrer Pflegeversicherung.



Wie bereite ich mich auf eine Begutachtung vor?

Von einer guten Vorbereitung auf die Begutachtung profitieren sowohl der Pflegebedürftige als auch die Gutachter. Liegen wichtige Informationen zu Beginn des Besuchs bereits vor, kann sich die Gutachterin oder der Gutachter schneller und besser einen Überblick über die Situation verschaffen und dann ganz darauf konzentrieren, den Pflegebedarf zu ermitteln und nachvollziehbar zu begründen. Missverständnisse lassen sich so in aller Regel vermeiden.

Als Vorbereitung auf eine Begutachtung hat es sich bewährt, in den Wochen oder Tagen davor ein Pflegetagebuch zu führen. Darin wird täglich eingetragen, wobei Sie oder Ihr Angehöriger Pflege benötigt und wie beeinträchtigt die Selbständigkeit oder die Fähigkeiten bei der Bewältigung des Alltags sind. Die pflegende Person sollte bei der Begutachtung anwesend sein, da sie den Pflegebedarf anschaulich und authentisch schildern kann. Ebenfalls sollten Sie Ihren Pflegberater als Unterstützung dabeihaben. Dieser wird darauf achten, dass alle wesentlichen Beeinträchtigungen und Kriterien der einzelnen Lebensbereiche (Module) erfasst werden.

Wenn die Pflege durch einen ambulanten Pflegedienst geleistet wird, legen Sie bitte die Pflegedokumentation bereit. Gutachter benötigen außerdem Informationen dazu, welche Medikamente regelmäßig eingenommenen werden, welche Hilfsmittel zum Einsatz kommen und welche Arzt- und Therapiebesuche außerhalb des Hauses erfolgen. All diese Punkte werden vor dem Begutachtungstermin in einem Selbstauskunftsbogen erfasst, den Sie mit dem Schreiben der Terminankündigung bekommen. Füllen Sie den Bogen gewissenhaft und möglichst vollständig aus und legen ihn am Tag der Begutachtung der Gutachterin oder dem Gutachter vor.

Ihr Pflegeberater unterstützt Sie sicher gern beim Ausfüllen des Selbstauskunftsbogens und bereitet Sie optimal auf die Beantwortung der Fragen vor.

Lesen Sie in unserer nächsten Ausgabe: Wie wird die Höhe meines Pflegegrads ermittelt? Wie geht es nach der Pflegebegutachtung weiter?

Checkliste – zur Vorbereitung der Pflegebegutachtung

o Mehrere Tage / Wochen vorher ein Pflegetagebuch führen

o Anspruch auf Pflegeberatung nutzen

o Einschränkungen im Alltag und Beeinträchtigungen der Fähigkeiten notieren

o Klären, welche Personen bei der Begutachtung anwesend sein sollten, die den Alltag des Pflegebedürftigen gut kennen, z.B. Angehörigere, Pflegepersonen, Pflegeberater, Betreuer etc.

o Arztberichte, Entlassungsschreiben und Dokumentationen eines bereits beauftragten Pflegedienstes zusammenstellen

o Häufigkeiten der Arzt- und Therapeutenbesuche notieren

o Einzunehmende Medikamente auflisten

o Genutzte Hilfsmittel auflisten

o Protokollieren, was der Betroffene isst und trinkt (bei Ernährungsproblemen)

o Protokollieren, wie sich eine bestimmte Einschränkung (z.B. Inkontinenz) im Alltag darstellt

o Notieren, in welchen Lebensbereichen (Modulen) der Versicherte eingeschränkt und hilfsbedürftig ist

 

Checkliste – während der Pflegebegutachtung

o Die Fragen des Gutachters nach bestem Wissen und Gewissen beantworten, nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren.

o Aktiv das Gespräch gestalten und wichtige Punkte selbst nennen, nicht nur auf die Fragen des Gutachters antworten.

o Besondere Schwierigkeiten schildern, z.B. „findet die Toilette nicht“ oder „muss immer wieder daran erinnert werden, mit dem Essen zu beginnen / weiter zu essen“.

o Evtl. beschwichtigende Aussagen des Betroffenen wie „ich kann noch alles allein“ korrigieren, „ja, aber nur, wenn ich ihn daran erinnere oder ihm dabei helfe“.

o Beratung bzgl. benötigter Hilfsmittel und das Wohnumfeld verbessernder Maßnahmen vom Gutachter einholen.

o Sich vom Gutachter über einen möglichen Anspruch auf eine Rehabilitationsmaßnahme aufklären lassen.

Von: Norman Langer (Unabhängiger Pflegesachverständiger), Montag, 14. Juni 2021 - Aktualisiert am Mittwoch, 23. Juni 2021
Weitere Informationen, Artikel und Termine von »Norman Langer« finden Sie unter: www.meier-magazin.de/pflegegutachtenexperte

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