Mehr als nur Grün: Rasen und Wiese

Wendelstein - Nicht jeder möchte seinen Rasen in eine blühende Blumenwiese umwandeln, und nicht jeder kann es: es ist nämlich gar nicht so leicht, eine schöne Bauernwiese zum Gedeihen zu bringen. Aber es gibt trotzdem viele Möglichkeiten, die vorhandene Grünfläche naturnäher zu gestalten.

Nur weil eine Rasenfläche kein blühendes Inferno ist muss das noch nicht heißen, sie könnte nicht naturnah sein, und besonders: naturnah gepflegt werden. Es gibt nur eine Sorte von Rasen, die in einem naturnahen Garten nichts zu suchen hat: der konventionelle Zierrasen, der Traum eines jeden engagierten Gärtners, eigentlich kaum vom Kunstrasen zu unterscheiden, und: völlig unnatürlich und eigentlich kaum zu realisieren. Die Sorten, die das Ideal des Zierrasens ermöglichen sind empfindlich, krankheitsanfällig, brauchen viel Pflege, Chemie in Form von Dünger und Medikamenten, Unmengen von Wasser und sind zudem kaum belastbar. Für die Industrie sind sie lukrativ, vielleicht wird gerade deswegen dieses Ideal weiterhin so hoch gehalten – aber im Garten als großflächige Bodenbegrünung komplett sinnlos. Strebt man zumindest ein Minimum an Naturnähe an, dann sowieso.

Erster Schritt in die richtige Richtung

Deutlich naturnäher ist ein Sport- oder Gebrauchsrasen. Er besteht aus  robusteren Grassorten, überwiegend dem Deutschen Weidelgras  (Lolium perenne) und weitere einheimischen Sorten. Auf diesem siedeln sich auch bald Löwenzahn und Gänseblümchen an, Weißklee ist oftmals ohnehin beigemischt. Lässt man den Dingen ihren Lauf, dann folgen bald Veronika, weitere Kleesorten, Günsel und das Wiesenschaumkraut. Wer dann Mutter Natur auf die Sprünge helfen will, der lässt den Rasenmäher im Frühjahr einfach noch stehen. Dann finden Bienen und andere Bestäuber schon früh im Jahr erste Nahrung. Die robusten Wildkräuter können nach der Blüte dann nach Belieben gemäht werden. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, der kann kleine Inseln oder Randerweiterungen vornehmen. Dafür einfach Rasensoden ausstechen oder an den Rändern abtrennen. Der Boden wird mit etwas Sand aufgelockert und mit Kompost angereichert. Es eignen sich Schafgarbe, Margerite, Heidenelke, Schlüsselblumen und Hornklee, Wiesensalbei, Glockenblumen und viele andere. Manche davon können auch als fertige Pflänzchen gekauft und in den Rasen gesetzt werden, zum Beispiel diverse Glockenblumen, Vergissmeinnnicht oder Wiesensalbei. Besonders gut eignen sich Baumscheiben. Diese kann man nach Belieben erweitern und dann dort aussäen, wonach einem der Sinn steht. Geeignete Samen bekommt man in Spezialgärtnereien oder im Fachhandel. Auch der Griff zu den allgegenwärtigen Tütchen in Gartencentern oder Supermärkten ist besser als gar nichts. Allerdings müssen Sie darauf gefasst sein, dass dies oftmals ungeeignete Mischungen sind, die nicht an die speziellen Gegebenheiten in  Ihrer Gegend angepasst sind, oder oftmals einjährige Arten, von denen im nächsten Jahr höchstens ein paar aus Samen wieder selbst ausgesäte Nachkommen hervor gehen. 

Duftteppiche und Schotterrasen

Eine noch pflegeleichtere Lösung, die man flächendeckend oder teilweise umsetzen kann, sind Duftteppiche. Hier werden niedrige, bodendeckende Pflanzen verwendet, die einigermaßen belastbar sind und extremst wenig Arbeit brauchen, denn anders als der Rasen werden diese nicht geschnitten. Hierfür einige sich gewisse Thymiansorten oder Römische Kamille. So einen Duftteppich kann man etwa auf sehr kleinen Flächen als Alternative zum Rasen anlegen, oder man pflanzt  sie als Übergang zu Sträuchern und Beeten. Wer mehr Belastung auf den Boden bringen muss oder will, der lässt sich vielleicht mit diesen Vorschlägen zu Lösungen inspirieren, die ebenfalls naturnäher sind als geschlossene Platten oder Beton. Rasengittersteine sind allemal besser als Pflaster, aber vielleicht wäre auch ein Schotterrasen eine Möglichkeit? Verpflasterter Boden stirbt, sodass nicht einmal im Untergrund sich noch etwas regt. Das Regenwasser fließt ab und belastet die Kanalisation. Ein Schotterrasen ist nahezu so belastbar wie eine gepflasterte Strecke – bei gutem Unterbau hält so eine Fläche sogar einen Lastwagen aus. Dann sollten doch Einfahrten, Carports oder Terrassen kein Problem sein. Zum Einsäen zwischen Kies oder Schotter eignen sich robuste Gräser wie Schattensegge (Carex umbrosa) oder Vogelfußsegge (Carex ornithopoda), die die Steine mit ihrem Wurzelwerk auch gut festigen. Auch das Ruchgras wächst auf mageren Böden, es wird den mangelnden Konkurrenzdruck durch andere Pflanzen lieben. Ruchgras ist keine Augenweide, duftet aber im trockenen Zustand wunderbar nach frischem Heu. Das Angenehme an solch einer Fläche: sie heizt sich im Sommer anders als Pflastersteine nicht auf, im Gegenteil: bei Hitze steigt Feuchtigkeit aus dem Boden auf, was für leichte Kühlung sorgt.

Auf’s Ganze gehen: die Blumenwiese

Trotz vieler Widrigkeiten ist und bleibt die überbordende Blumenwiese das Sehnsuchtsziel vieler naturverbundener Gartenbesitzer. Wer sich diesen Traum verwirklichen will, der sollte vorher einiges Bedenken: eine Blumenwiese entwickelt sich über Jahre. Es ist nicht möglich, Blumen in bestehenden Rasenflächen einzusäen, keimen nur auf dem offenen Boden. Das bedeutet viel Arbeit. Eine Blumenwiese braucht viel Platz und einiges an Sachkenntnis, ganz besonders in Bezug auf die Saatmischung. Es ist also eine Überlegung wert, ob man einen Naturgartenbauer hinzu ziehen will. Wildblumenwiesen sind Magerwiesen, deswegen ist es wichtig, die Fläche korrekt vorzubereiten. Und da Wildblumenwiesen auch viel höher wachsen als ein Sport- und Spielrasenkann man die Grünfläche nicht mehr betreten. Um an Beete oder Sitzplätze zu gelangen, sollte man stattdessen Wege mähen. Funktioniert die Blumenwiese aber erst einmal, dann ist sie allerdings das Lebendigste und Schönste, was man mit seinem Garten anfangen kann, und auch kaum mehr mit Arbeit verbunden. Zwei Mal im Jahr mähen und ansonsten in Ruhe lassen – so gedeiht sie am Besten.

Der geeignete Platz: vor allen Dingen viel!

Sonnig und weitläufig will es die Blumenwiese haben. Hundert Quadratmeter sollte die Fläche mindestens groß sein, sonst können sich die Pflanzen nicht artgerecht entwickeln und das Ökosystem kann sich nicht einrichten. Geeignete Plätze liegen unter Obstbäumen, an sonnigen Hängen, auch ein Teil eines Wochenendgrundstückes eignet sich zur Wildblumenwiese. Bevor eingesät werden kann, braucht es einiges an Vorbereitung. Die Erde muss frei gelegt werden, also wird der alte Rasen idealerweise abgefräst. Ist der Boden sehr humusreich, muss er abgemagert werden – durch das Einmischen von Sand und gegebenenfalls Kalk.  Danach wird die Fläche glatt gezogen. Idealer Zeitpunkt für die Aussaat ist April bis Juni. Die Samen werden oberflächlich ausgebracht und nur leicht eingeharkt, danach mit einer Walze angedrückt, sonst landet das Saatgut schnell in der Nachbarschaft. Nun muss der Boden sechs Wochen lang leicht feucht gehalten werden und darf niemals austrocknen, sonst sterben die Keimlinge ab. Hat man es bis dahin geschafft, darf man Zeuge der Evolution im Kleinen werden: der Entstehung einer Wiesengemeinschaft. Im ersten Jahr finden sich auf dem offenen Boden überwiegend einjährige Ackerblumen wie Kornblumen und Mohnblumen. Im zweiten Jahr dann haben die eigentlichen Wiesenkräuter ihren ersten Auftritt, welche das sind, hängt von der Zusammensetzung des Saatgutes ab, aber auch Wildkräuter aus der Umgebung mischen sich in die Gesellschaft ein. Mit der Zeit pendelt sich ein Gleichgewicht derjenigen Kräuter, Gräser und Blumen ein, die an diesem Standort am besten gedeihen. Eine Blumenwiese ist ein sich entwickelnder Organismus, Arten vermehren und verdrängen sich, Allianzen werden geschlossen, starke Nachbarschaften entstehen und irgendwann hat man eine beständige, harmonische und sich doch immer wieder wandelnde Gemeinschaft.

Laissez-faire - die besondere Zutat

Egal, wie ihre Bemühungen um den naturnäheren Rasen ausgehen, eines ist immer wichtig und richtig: einfach mal gar nichts machen. Bei der funktionierenden Blumenwiese geht das ganz von selbst, die lässt man eh in Ruhe und mäht maximal zwei Mal im Jahr. Ein Mal ist auch ok. Beim Sport- und Spielrasen darf man den Schnitt liegen lassen – er ernährt Pflanzen und Bodenbewohner der Grünfläche. Der Duftrasen wird eh nicht gemäht. Die Grünfläche wird nicht bewässert, denn sie verträgt den Rhythmus von Nässe und Trockenheit. Oder wie Oma schon wusste: ein verbrannter Rasen kommt wieder. Und zum Thema Moos: Überlegen Sie einmal, wo und warum Moos sich entwickelt. Moos wächst da, wo es die Gräser nicht so gut vertragen, also da, wo es an Licht mangelt oder sich Staunässe bildet. Macht es also Sinn, das natürlich wachsende Moss wegzureißen, um Wiese anzusäen, die es an diesem Plätzchen ohne hin nicht gut hat? Was ist eigentlich an Moos so schlecht? Es ist immer grün, auch in der dunklen Jahreszeit, es muss nicht geschnitten werden und es bildet wunderschöne Teppiche, wenn man es nur lässt. Wenn  Sie also beim  Vermoosen Ihres Gartens endgültig der Gleichmut verlässt – treten Sie doch die Flucht nach vorne an und widmen Sie die Fläche zum Moosgarten um. Klingt komisch? Ist es aber gar nicht. Googeln Sie einfach mal: Zengarten.

Buchtipp

Ulrike Aufderheide
Rasen und Wiesen im naturnahen Garten Neuanlage – Pflege – Gestaltungsideen
ISBN 978-3-89566-274-4
16 Euro Pala Verlag
Das Buch der Biologin Ulrike Aufderheide gilt als das Standardwerk für alle, die nach einer naturnahen Lösung für die Gartenbegrünung suchen und hat garantiert für jedes Bedürfnis die richtige Lösung – ganz ohne missionarischen Eifer oder Dogmatismen.
Besonders hilfreich ist die Liste von Bezugsquellen für Pflanzen und Samen einheimischer Wildpflanzen.

Von: Kristin Wunderlich ( Dipl. Biologin), Dienstag, 16. April 2019 - Aktualisiert am Donnerstag, 06. Juni 2019
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